Kommunistische Jugend Schweiz

Als Frauen nochmals bestraft

Ein Brief der baskischen Widerstandskämpferin Nekane Txapartegi aus dem Gefängnis in Zürich, wo sie die Auslieferung nach Spanien erwartet.

Zusätzlich zur seit Jahrzehnten andauernden, illegalen «Dispersion» (Verstreuung der Gefangenen in Gefängnisse weit weg vom Baskenland, Anm. d. Red.) und Ausrottung durch die Haftpolitik des spanischen und französischen Staates gegen die baskischen politischen Gefangenen, werden wir Frauen in diesem Patriarchat nochmals bestraft. Wir werden durch das Strafgesetz bestraft, mit ad hoc gemachten Gesetzen, zusätzlich durch unwürdige Haftbedingungen, um uns zu brechen und unsere Persönlichkeiten zu zerstören. Weil wir als Frauen die uns zugeschriebene Rolle nicht akzeptieren, werden wir nochmals sozial bestraft.

Zur Situation der gefangenen Baskinnen
Im Knast, der von Männern für Männer gemacht wurde, sind wir 52 gefangene Frauen auf 28 Gefängnisse verteilt und isoliert. Wir alle sind mehr als 500 Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Von uns 53 Frauen, die dem Kollektiv der baskischen Gefangenen mit 350 politischen Gefangenen angehören, befinden sich 13 Frauen in Totalisolation, ohne jeglichem Kontakt zu anderen Gefangenen.
Im Gefängnis mit seinen hierarchischen Strukturen, wo unsere Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, sind wir Frauen auf der untersten Stufe. Zusätzlich zu den alltäglichen Kontrollen über unsere emotionalen, sozialen, kulturellen und politischen Beziehungen werden wir sexualisiert. Der Knast benutzt alle möglichen Mechanismen, um unsere Körper zu dominieren und zu kolonisieren. Sie entscheiden, wie wir uns anziehen müssen, ob wir Make-up tragen dürfen, wie oft wir duschen können oder wann wir sexuelle Beziehungen – wenn überhaupt – haben können. Häufig sind auch unbegründete Leibesvisitationen mit dem Ziel, uns zu erniedrigen.
In manchen Fällen wird die Isolation und Unterdrückung bis auf Äusserste betrieben. Zum Beispiel befindet sich Arantza Zulueta seit drei Jahren in Isolationshaft im Gefängnis Puerto Santamaria in Cadiz, mehr als 1000 Kilometer von zuhause entfernt. Sie ist die einzige Frau in diesem Männerknast, deswegen kann sie an keinen Aktivitäten teilnehmen, keinen Sport treiben und keinen Kontakt mit anderen Gefangenen haben. Sie darf nur die Wärter sehen und jedes Mal, wenn sie während kurzen zwei bis vier Stunden Hofgang hat, wird sie mit erniedrigenden Leibesvisitationen schikaniert.

Unsere Kinder und Angehörigen werden auch bestraft
Die «Dispersions»-Politik wurde als Rache und zusätzliche Bestrafung gegen unsere Familienangehörigen und im Speziellen gegen unsere Kinder in Kraft gesetzt. Sowohl der spanische als auch der französische Staat instrumentalisieren das Leiden unserer Familien und Kinder, um uns damit zu unterdrücken. Das patriarchale System der Knäste verstärkt diese Unterdrückung noch gegen uns Mütter. Im Gefängnis Mutter zu sein, bedeutet noch mehr Unterdrückung und die alltäglichen Verletzungen und Schikanen nehmen zu. Ohne das Recht, ein Familienleben zu führen, sind auch unsere Kinder Gefangene. Unsere Töchter und Söhne müssen (nach spanischem Recht während der ersten drei Lebensjahre, d. Red.) entweder mit den gleichen unmenschlichen Haftbedingungen wie ihre Mütter eingesperrt leben oder sonst hunderte oder tausende Kilometer weit weg ohne ihre Mutter aufwachsen. Wenn sie draussen aufwachsen, müssen unsere Kinder um die Welt reisen, um uns während knapp 40 Minuten besuchen zu können.
Im Januar wurde eines der übelsten Beispiele dieser Verletzungen bekannt. Sara Majarenas und ihre zweieinhalbjährige Tochter Izar erlebten die schwerste Auswirkung der kriminelle Haftpolitik und eine brutale Attacke machistischer Gewalt. Obwohl Sara schon lange frei sein müsste, hält der spanische Folterstaat sie – 600 Kilometer entfernt von ihren Angehörigen – weiter gefangen. Der Staat rächt sich, in dem er die eigenen Gesetze nicht anwendet. Dadurch werden auch die Rechte der Tochter, die mit Sara im Gefängnis lebt, verletzt. Weil die Angehörigen aufgrund der «Dispersion» nicht da sein konnten, durfte sie nicht einige Stunden draussen verbringen, wie es sein müsste. Somit ist auch ihre Tochter Gefangene.
Mitten im Trennungsprozess vom Vater der Tochter liess Sara ihre Tochter ein Wochenende ausserhalb des Gefängnisses bei ihrem Vater verbringen. Aus Rache stach der Vater mehrmals auf die Tochter ein und verletzte sie lebensgefährlich. Die Tochter kämpft im Spital ums Überleben, während Sara alleine in ihrer Zelle zutiefst verletzt weiter gegen ihre Bestrafung und die erlebte machoide Gewalt kämpft. Aber Sara müsste frei und bei ihrer Tochter sein.

Spezialabteilung
Hier im BGZ-Gefängnis befinde ich mich in der «Spezialabteilung». Nicht etwa, weil ich speziell bin, sondern einzig aus dem Grund, dass ich eine Frau bin. Die Abteilung teile ich mit anderen Frauen, Transsexuellen und psychisch angeschlagenen Männern. Im patriarchalen System, wo «andersartige» Personen keinen Platz haben, werden wir hier parkiert und diskriminiert. Wir bekommen die üblichen geschlechter-stereotypischen Arbeiten zugeteilt. Der Knast nimmt uns nicht nur die Freiheit, sondern alle Autonomie und Kontakte zur Aussenwelt. So sind wir isoliert in einer Mischung aus Kloster, Militär und Kindergarten. Sexualisiert, kontrolliert, autoritär erzogen, infantilisiert und ausgebeutet. Mit striktesten Haftbedingungen, einer Spazierstunde pro Tag, zwei Duschen pro Woche, keine Aktivitäten, ohne Sport. Diese maximale Isolation zwingt uns, uns in diesem System zurecht zu finden. Es besteht nur die «Wahl», hier zu einem schlechten Lohn zu arbeiten, einerseits um nicht 23 Stunden pro Tag in der Zelle eingesperrt zu verbringen, und andererseits zumindest Hygieneartikel kaufen zu können oder eine kurze Arztvisite beantragen zu können. Ich habe das Gefühl, mich täglich zu «prostituieren», um hier zu überleben. Der feministische Kampf gibt mir jeden Tag Kraft, mich zu wehren und Widerstand zu leisten. Das Patriarchat unterdrückt uns als Frauen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten in unterschiedlicher Weise.
Mit diesem Schreiben wollte ich die Konsequenzen, welche wir als baskische Frauen – aufgrund unserer politischen Militanz und weil wir Frauen sind – gleich doppelt erleben, aufzeigen. Auf dem Polizeiposten durch sexualisierte Folter, wie auch in den Gefängnissen in aller Welt durch machoide Strukturen.
In Knästen ist die Unterdrückung extrem und die Isolation macht uns verletzbar. Deswegen ist es wichtig, zusammen zu halten und solidarisch zu bleiben. So kämpfe ich hier mit Frauen von sehr unterschiedlicher Herkunft, Religion, Klasse, Alter und Kultur gegen das System, welches uns unterdrückt und zusammen mit meinen Genossinnen ausserdem für ein freies, sozialistisches, baskisches und feministisches Baskenland! Wenn es hier drin möglich ist, können wir auch dort draussen einen starken feministischen und solidarischen Kampf artikulieren, die Isolation durchbrechen und damit die Knäste, welche gemacht sind, um uns zu brechen und als Frauen zu unterdrücken, abzuschaffen.