Kommunistische Jugend Schweiz

Die unterbrochene Revolution

Auch 30 Jahren nach seiner Ermordung ist Thomas Sankara und sein revolutionäres Erbe nicht vergessen. Vier Jahre lang führte Sankara die Revolution in Burkina Faso und änderte das Land von Grund auf. Es wurden soziale und wirtschaftliche Reformen durchgeführt, die demokratische Mitwirkung der Menschen wurde erweitert.

Vor genau dreissig Jahren, am 15. Oktober 1987 um 16.00 Uhr in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, im Gebäudekomplex der westafrikanischen Organisation Conseil de l’Entente sowie des burkinischen Regierungssitzes wurde Thomas Sankara, der Präsident des Landes, mitsamt seiner Leibgarde ermordet. Die tödliche Schiesserei war durch diejenigen angeordnet worden, die Sankara am nächsten standen. Am gleichen Tag verkündete eine selbsternannte «Volksfront», angeführt von Blaise Compaoré, Jean-Baptiste Lingani und Henri Zongo, die Machtübernahme mit dem Ziel, den Kurs der burkinischen Revolution zu «korrigieren», die angeblich durch Sankara verraten worden war. Kurze Zeit später liess Blaise Compaoré die zwei anderen, Lingani und Zongo, erschiessen und Hunderte von früheren MitkämpferInnen des ermordeten Präsidenten foltern und massakrieren. Die demokratische Volksrevolution, die vier Jahre zuvor ausgebrochen war, ging damit zu Ende. Die «Korrektur» war in Wirklichkeit nichts weiter als die Wiederherstellung des neokolonialen Regimes. Compaoré herrschte fortan als korrupter Autokrat, der mehrere Male durch Wahlfälschung wiedergewählt wurde, bis er schliesslich durch die zweite burkinische Revolution 2014 aus dem Amt gejagt wurde. Er wurde durch ein Volk entmachtet, das Thomas Sankara nicht vergessen hatte. Vielmehr ist er zu einer Art mythischen Figur, einem Symbol der revolutionären Hoffnung geworden.

Kolonie Obervolta
Vor der demokratischen Volksrevolution trug Burkina Faso den Namen Obervolta. Die ehemalige französische Kolonie Obervolta profitierte 1960 wie der grösste Teil des Kolonialbesitzes von Frankreich in Afrika von einer politischen «Unabhängigkeit», die von den Kolonialherren unter Wahrung der eigenen Interessen zugelassen wurde. Das Land blieb trotz seiner formalen Unabhängigkeit ökonomisch vollkommen abhängig von Frankreich und verblieb unter dessen fast unverhüllten politischen Kontrolle. Zwanzig Jahre nach seiner Etablierung als souveräner Staat war Obervolta eines der ärmsten Länder des Planeten. Ein kleines Land mit rund acht Millionen EinwohnerInnen, ohne Anschluss ans Meer, in der Sahelzone gelegen und von Desertifikation bedroht. Die Bevölkerung musste durchschnittlich mit einem Dollar pro Tag und Person auskommen, die Lebenserwartung lag bei 43 Jahren, 92 Prozent waren AnalphabetInnen. Die Menschen wurden heimgesucht von unzähligen Krankheiten, die meist komplett heilbar gewesen wären, wenn ein minimales Gesundheitssystem Bestand gehabt hätte, und litten konstant unter Nahrungsmangel. Das Land war politisch instabil und hatte mehrere Putsche wie auch Militärregimes hinter sich.

Beliebter Revolutionär
Am 4. August 1983 erlebte Obervolta einen weiteren militärischen Putsch. Was diesen jedoch radikal von den anderen unterschied, war, dass er den Beginn einer wirklichen Revolution begründete. Die Revolution vom 4. August brachte eine neue Regierung an die Macht, den Nationalen Revolutionsrat (CNR), sowie einen neuen Staatschef: Thomas Sankara. Er war Hauptmann in der voltaischen Armee mit einer politisch marxistischen Ausbildung (die in all seinen Reden deutlich wird durch zahlreiche Anspielungen auf die KlassikerInnen des Marxismus) und engagierte sich im geheimen Regroupement des officiers communistes (dt.: Zusammenschluss der kommunistischen Offiziere). Sankara wurde auch sehr populär durch seine kurze Zeit als Informationsminister; er trat rasch wieder zurück aus Protest gegen die Verletzung des Streikrechts durch die Regierung. In der folgenden Regierung wurde er sogar Premierminister, wobei er versuchte, dieser eine progressive Richtung zu geben. Er zeigte sich antiimperialistisch, demokratisch und revolutionär, stellte sich gegen die Korruption und pflegte eine einfache und dem Volk verständliche Sprache. Schliesslich gelangte dieser Mann an die Spitze einer neuen, revolutionären Regierung.

Analyse der Klassenstruktur
Das politische Programm des CNR wurde am 2. Oktober von Sankara vorgestellt. Der Diskurs der politischen Orientierung (DOP), das das offizielle Programm der burkinischen Revolution bis zum Schluss bleiben sollte, hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren. Der DOP beginnt mit einer Analyse der besonderen Klassenstruktur Obervoltas: Es bestand ein neokoloniales System, der Kolonialismus wurde hier fortgesetzt mit anderen Mitteln. Es war ein vorwiegend agrarisches Land mit einer zahlenmässig kleinen ArbeiterInnenklasse, einer praktisch inexistenten nationalen Bourgeoisie. Die herrschende Klasse setzte sich aus einer bürokratischen Bourgeoisie, die die Ausbeutung des voltaischen Volkes im Interesse der alten Kolonialmacht sicherstellte, sowie aus der feudalen Oberschicht auf dem Land und dem politisch schwankenden Kleinbürgertum zusammen. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus unterdrückten BäuerInnen, die allerdings an ihrem Status als KleinbesitzerInnen hingen.

Das Land der aufrichtigen Menschen
Unter diesen Bedingungen war eine sozialistische Revolution kaum vorstellbar. Der Sozialismus wurde entsprechend nie als offizielles Wirtschaftssystem in Burkina Faso proklamiert, auch nicht als Ziel, obwohl dies manchmal angedeutet wurde. Das Ziel der Revolution war die Befreiung des Landes von den Ketten des Neokolonialismus und die Verwirklichung einer Entwicklung durch die eigenen Kräfte, in der die Menschen ihr Schicksal in die eigenen Händen nehmen können. Ziel war eine demokratische Volksrevolution. Thomas Sankara erklärte: «Die Demokratie ist das Volk mit allen seinen Potenzialen und seiner ganzen Kraft. Der Stimmzettel und ein Wahlsystem bedeuten für sich allein noch nicht, dass eine Demokratie existiert. Diejenigen, die hin und wieder Wahlen organisieren und sich bloss während dieser Periode um das Volk kümmern, haben kein wirklich demokratisches System. Im Gegenteil, dort, wo das Volk jeden Tag sagen kann, was es denkt, dort besteht eine wirkliche Demokratie. Es ist deshalb nötig, dass man jeden Tag sein Vertrauen gewinnt. Man kann sich die Demokratie nicht denken, ohne dass die Macht – in all ihren Formen – in die Hände des Volkes übergeben werden; die wirtschaftliche, militärische, politische, soziale und kulturelle Macht.» In dieser Zeit wurde Obervolta in Burkina Faso, das Land der aufrichtigen Menschen, umbenannt.

Bemerkenswerte Errungenschaften
Die burkinische Revolution hatte alles in allem vier Jahre Zeit, bevor sie brutal unterbrochen wurde durch den Staatsstreich von Blaise Compaoré. Auch wenn sie nie eine ausländische Aggression abwehren musste, ausser einem kurzen Einfall des reaktionären Regimes von Mali, und sie nie unter einer Blockade gestanden ist, wie sie Kuba bis heute erdulden muss, stand die Revolution in Burkina Faso dennoch im Schatten eines feindliches Imperialismus und musste mit einem organisierten Mangel an Importen leben. Trotz der schwierigen Situation, unter der sie arbeiten musste, und der kurzen Zeit, die sie zur Verfügung hatte, waren die Errungenschaften der Revolution bemerkenswert. Das Volk konnte sich auf lokaler Ebene in Räten versammeln, um seine Bedürfnisse und Wünsche kundzutun. Eine Form von direkter Volksmacht wurde eingerichtet durch die Komitees zur Verteidigung der Revolution. Die revolutionäre Regierung versuchte, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern mit einem massiven Wohnbauprogramm, durch die Einrichtung von öffentlichen Gesundheitszentren auf dem Land und durch eine gewaltige Impfkampagne (mit Unterstützung Kubas), welche die Kindersterblichkeit deutlich senkte. Burkina Faso erlebte auch den Beginn einer Kulturrevolution mit dem Bau von Schulen, einer Alphabetisierungskampagne auf hoher Stufe und der Förderung der einheimischen Kultur.

Internationalistisches Wirken
Auf wirtschaftlicher Ebene wurde eine Agrarreform durchgesetzt mit Abschaffung aller Privilegien der traditionellen Oberhäupter (die eine feudale Aristokratie bildeten) und der Verstaatlichung des Bodens, um die BäuerInnen vor der Spekulation zu schützen. Burkina Faso setzte ein massives Programm zur Errichtung von Staudämmen und Bewässerungsanlagen ein, um die Trockenheit zu bekämpfen. Dabei konnte eine solche Mobilisierung der Bevölkerung erreicht werden, die an diejenige in der Sowjetunion während dem ersten Fünfjahresplan erinnerte. Die Landwirtschaftstechniken wurden modernisiert und eine kleine Lebensmittelindustrie wurde aufgebaut, um die Agrarprodukte vor Ort zu bearbeiten. Die Revolution war weit davon entfernt, ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben. Kurz vor dem Putsch von Compaoré stand ein Fünfjahresplan in Arbeit, der die nationale Wirtschaft weiterentwickelt hätte.
Die burkinische Revolution glänzte auch durch ihre ökologische Dimension, durch den Kampf gegen die Ausbreitung der Wüste und durch seine grossen Aufforstungsprogrammen. Sankara bleibt für immer in Erinnerung durch sein internationalistisches Wirken gegen den Imperialismus: Er setzte sich gegen die unrechtmässige Verschuldung – dem wichtigen Instrument der neokolonialen Herrschaft – ein, gegen welches sich die imperialistisch unterdrückten Länder zusammenschliessen sollten und die sie sich zu zahlen verweigern hätten müssen. Auch diese Ideen Sankaras behalten eine brennende Aktualität …

Zerbrechliche Grundlage
Ihre Errungenschaften waren spektakulär. Und doch befand sich die burkinische Revolution auf einer äusserst zerbrechlichen Grundlage. Sie stützte sich auf eine kleine soziale Basis, bestehend aus den wenigen ArbeiterInnen, einem schwankenden Teil der kleinbürgerlichen Intellektuellen, auf einen Teil der Armee und auf die grosse Bauernschaft, die die Revolution aber nicht schnell genug als Klasse organisieren konnte. Ihr fehlte eine vereinigte revolutionäre Partei und sie war geschwächt durch Differenzen unter den RevolutionärInnen selber. Um das Mindestmass an notwendiger primitiver Akkumulation zu erreichen zur Umsetzung der wirtschaftlichen und sozialen Programmen, war Sankara gezwungen, einen ziemlich harten Sparkurs unter allen etwas privilegierteren Klassen durchzusetzen: unter den Staatbediensteten und der Bürokratie bis auf die höchsten Ebenen des Staates. Dies löste Unzufriedenheit unter den betroffenen Schichten aus. In dieser Situation bildete sich eine Strömung unter den RevolutionärInnen an der Macht um Blaise Compaoré, diese OpportunistInnen wollten der Revolution ein Ende setzen, um von der Macht zu profitieren und um die Stelle einer Kompradorenbourgeoisie einzunehmen. Es ist anzunehmen, dass der französische Staat beteiligt war an der Ermordung Sankaras. Die demokratische Volksrevolution wurde somit zur gleichen Zeit umgebracht wie ihr Anführer Thomas Sankara. Aber die Ermordung dieses Mannes reicht nicht aus, um seine Idee zu töten. Diese sind heute so lebendig wie nie. Die Ideen Sankaras sind unentbehrlich für die heutigen Kämpfe.