Kommunistische Jugend Schweiz

Tödliche Jagd in Zypern

Klaus Petrus. Weisse Strände, blaues Wasser, heisse Sonne: Wer auf Zypern Urlaub macht, geniesst das Leben. Was viele nicht wissen: im Landesinnern sterben hunderttausende Singvögel einen grausamen Tod. Dahinter steckt eine Vogelmafia mit einem big business von rund 15 Millionen Euro pro Jahr.

Das Treffen findet ausserhalb von Zyperns Hauptstadt Nikosia statt, in einem Restaurant an einer vergessenen Landstrasse. Mários, wie wir ihn nennen wollen, ist knapp vierzig, Vater einer 12-jährigen Tochter und eine Art Whistleblower. Bis vor zwei Jahren arbeitete er bei einer Spezialeinheit der griechisch-zypriotischen Polizei, dann wurde er versetzt. Sein Chef begründete es mit einem Personalentscheid, Mários sieht es anders: «Ich weiss einfach zu viel. Das Ganze ist ein big business. Dahinter steckt die Mafia, und die Polizei spielt mit.»

«Legale Korruption»
Das grosse Geschäft, damit meint Mários Drogen, Prostitution und – Wilderei. Vor allem die Jagd auf Singvögel. 800000 werden allein auf Zypern jedes Jahr gefangen und gegrillt oder mariniert als «Ambelopoulia» aufgetischt, ein traditionelles Gericht. Im gesamten Mittelmeerraum sollen es 25 Millionen Singvögel sein. Dabei ist die Vogeljagd mit Netzen und Leimruten auf Zypern seit 1974 verboten. Viele Polizist*innen, behauptet Mários, würden wegsehen oder mit den Jägern kooperieren. Korruption sei weit verbreitet auf der Insel. Und subtil. Er nennt als Beispiel Wilderer, die von der Spezialeinheit beim Aufhängen eines Netzes überführt und gebüsst wurden. Das sehe gut aus für die Polizeistatistik. In Wahrheit sei es ein abgekartetes Spiel. «Wurden die Jäger einmal angezeigt, lässt man sie gegen Geld in Ruhe.» Dann kämen die Wilderer zurück – aber diesmal nicht nur mit einem Netz, sondern mit einem Dutzend Netzen. «Legale Korruption», nennt Mários das. Seinen Vorgesetzten habe er schon früh über diese Vorfälle berichtet. Doch er sei ignoriert, später unter Druck gesetzt und zuletzt sogar bedroht worden. Für seine Vorwürfe hat Mários nach eigenen Angaben ausreichend Beweise und Namen. Nur nennen dürfe er noch keine. Seine Anklageschrift liegt beim Europäischen Gerichtshof in Strassburg, wo zwei Anwälte ihn vertreten. Inzwischen erledigt Mários auf der Polizeistation nur noch Papierzeugs. Gleichwohl schaut er jeden Morgen unter sein Auto. Er fürchte die Vogel-Mafia, wie er sie nennt.

Die Hände gebunden
Andreas Pitsillides, graumeliertes Haar, kantiges Gesicht, schmale Lippen, ordnet den Schreibtisch, er scheucht einen Assistenten aus dem Zimmer, richtet die Uniform, dann bittet er zum Gespräch. Ja, von den Korruptionsvorwürfen habe er gehört «Schwarze Schafe gibt es immer wieder. Aber nicht bei mir.» Pitsillides leitet die 2003 gegründete Anti-Wilderer-Einheit in Dhekelia. Das Gebiet liegt am östlichen Ende der Uno-Pufferzone, welche die Insel seit 1974 in den türkischzypriotischen Norden und den griechischzypriotischen Süden teilt. Dhekelia wiederum gehört der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, wie auch eine zweite Militärbasis auf Zypern. Zwar machen diese britischen Gebiete nur drei Prozent der Inselfläche aus. Doch wurde hier noch vor wenigen Jahren fast die Hälfte aller illegal gefangenen Vögel registriert. Deshalb munkelte man, die britische Polizei würde bisweilen mehr als ein Auge zudrücken. Andreas Pitsillides bestreitet das. Er erklärt die hohen Fallzahlen in den britischen Exklaven damit, dass Zugvögel dort ideale Bedingungen fänden. Tatsächlich bestehen die Gebiete überwiegend aus Steppe und Plantagen, nur an den Rändern gibt es Wohngebäude und Verkehr. Doch räumt Pitsillides auch ein, dass ihm oft die Hände gebunden seien. Viele Jäger*innen kommen aus dem griechischen Teil Zyperns in die britischen Gebiete und stellen hier ihre Netze auf. Werden sie nicht auf frischer Tat ertappt, können sie unbehelligt in die Republik zurückkehren. Den Wilderer nachspüren, ihre Wohnungen durchsuchen, sie überwachen, das alles sei dann Sache der griechisch-zypriotischen Spezialeinheit, sagt Andreas Pitsillides. «Doch dann ist oft zu spät, und die Spuren verlieren sich. Es ist eben kompliziert auf Zypern.»

Organisiertes Verbrechen

In einem gibt der Polizeikommandant dem Whisleblower Mários aber recht: Der illegale Vogelfang sei ein grosses Geschäft, an dem sich ganze Banden beteiligten. «Vieles deutet darauf hin, dass es sich hier um ein organisiertes Verbrechen handelt.» Oft würden die Anführer der Gruppen junge Männer rekrutieren, die in der Nacht Netze aufhängen und Schmiere stehen. Nicht selten sei das ihr Einstieg in die Kriminalität. «Die Jungen auf dem Land verdienen wenig oder haben überhaupt keine Arbeit, die Wilderei bietet ihnen einen Ausweg.» Dabei ist das Risiko letztlich gering. Nur ausnahmsweise werden die Jäger*innen an Ort und Stelle überführt und müssen mit einer Busse rechnen. In den britischen Gebieten liegt die Strafe für ein Netz bei 2000 Euro. Benutzen die Wilderer zudem ein Lockgerät, kommen weitere 2000 Euro hinzu, und nochmals 2000 Euro müssen sie während der Jagdsaison Ende August bis Mitte März als Pauschale für bis 50 gefangene Vögel bezahlen. Für Pitsillides ein zu geringes Strafmass angesichts der Unkosten der Wilderer und ihrer Aussicht auf Gewinn. Tatsächlich sind Netze auf Internetportalen inzwischen fast umsonst zu haben. Vogelschutzorganisationen haben errechnet, dass ein Jäger in der Hochsaison pro Netz und Nacht bis hundert Vögel fängt, die er zu je vier Euro verkaufen kann. Insgesamt soll der Handel mit Singvögeln den 3000 zypriotischen Wilderern jährlich 15 Millionen Euro einbringen.

Eng verstrickt mit der Politik
Gerade ältere Leute auf Zypern verstehen den Aufruhr um die Vogeljagd nicht. Viele von ihnen leben auf dem Land und sind oder waren selbst Vogeljäger*innen. Anders in den Städten. Besonders die Jungen seien gegen die illegale Vogeljagd, sagt Antaia Christou, die in Nikosia aufgewachsen ist und in Grossbritannien studiert hat. Dagegen protestieren aber würde kaum jemand. Der soziale Druck sei wohl zu gross, vermutet die 26-Jährige. «Bei uns werden schon die Buben mit auf die Jagd genommen, das gehört einfach dazu.»
Zypern ist viereinhalb Mal kleiner als die Schweiz, es gibt über 50000 Jagdlizenzen, während in der Schweiz es knapp 35000 sind. Zudem scheinen Jägerschaft und Politik eng verstrickt zu sein. Christou erzählt von einem Parlamentarier und Mitglied des Umweltausschusses, der 2015 auf Facebook ein Foto des traditionellen Gerichts Ambelopoulia gepostet und dazu schöne Ferien gewünscht habe. Oder vom Bürgermeister der Gemeinde Paralimni, der auf Demonstrationen von Befürworter*innen der illegalen Vogeljagd Reden halte. Christou weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, als Einheimische gegen die illegale Vogeljagd zu kämpfen. Dreimal im Jahr nimmt sie an so genannten Vogelcamps teil, die vom deutschen Komitee gegen Vogelmord (CABS) organisiert und von der Schweizer Stiftung Pro Artenvielfalt unterstützt werden. Mit ihren Freunden mag Christou nicht darüber reden, sie scheut den Konflikt, fürchtet Repressionen. Ohnehin beteiligen sich an diesen Camps vor allem ausländische Aktivisten, sie kommen aus Grossbritannien, Deutschland oder der Schweiz. Gemeinsam schwärmen sie Tag und Nacht aus, spüren illegale Fangplätze auf, bauen Netze ab, befreien Vögel und geben ihre Informationen an die Polizei weiter.

Ein Horrorstreifen ohne Ton
An einem Nachmittag durchstreift Christou zusammen mit Carmen Sedonati Olivenhaine in der Larnaka Region im Südosten der Insel. Die 34-jährige Schweizerin ist Projektmanagerin der Stiftung Pro Artenvielfalt und reist seit 2012 mehrmals im Jahr nach Zypern. Immer wieder bleiben die beiden Frauen stehen und suchen das Gelände nach Leimruten ab. Das Prinzip hinter dieser Jagdmethode ist simpel: Die Jäger bestreichen eine Rute von etwa 70 Zentimetern mit eingekochtem Saft der Syrischen Pflaume. Dann legen sie diese horizontal wie eine Sitzstange zwischen die Äste eines Baumes. Und warten, bis sich ein Vogel draufsetzt und kleben bleibt. Schon bald werden Christou und Sedonati fündig. In einem Radius von 20 Metern glitzern ein halbes Dutzend Bäume vom frischen Leim, überall Ruten, 123 insgesamt. Irgendwo baumelt ein Rotkelchen im Wind. Landet dieses Vögelchen auf einer Rute, klebt es mit seinen Füssen fest und kippt vornüber. Beginnt es zu flattern, verkleben auch seine Flügel, der Schwanz, manchmal sogar der Kopf, wenn es sich mit dem Schnabel befreien will. Wie ein flauschiger Schlüsselanhänger hängt das Rotkelchen dann am Baum, oft stundenlang. Manche Vögel, wie Singdrosseln, schreien sich ihre Todesangst aus der Brust. Auch das Rotkelchen, ein Meister der Variation, reisst den Schnabel weit auseinander, seine winzige Zunge zittert. Nur kommt nichts aus ihm heraus, nicht einmal ein Krächzen ist zu hören. Es ist wie bei einem Horrorstreifen ohne Ton.

Wird alles gut?
Bis die Vögel von den Leimruten befreit sind, dauert es. Erst trennen Sedonati und Christou die Füsse vom klebrigen Saft, Kralle für Kralle, dann träufeln sie Wasser auf die Flügel und lösen die Federn von der Rute. Manchmal bleiben welche daran kleben und das Rotkelchen schreit stumm weiter. «Warum nur, kleiner Vogel, hast du dich fangen lassen?», möchte man ihm, wie einst Franz von Assisi, zuflüstern, und: «Hab Geduld, alles wird gut.» Nach einer Viertelstunde lässt Christou das Rotkelchen fliegen. Viel Kleinarbeit war das. Kommen die Wilderer, geht alles im Handumdrehen, sie stossen dem Vogel einen metallischen Stift durch die Brust oder schneiden ihm die Kehle durch. Die Jagd mit Leimruten sei eine uralte Tradition, argumentieren viele Jäger*innen, man müsse sie zum UNESCO Kulturerbe ernennen. Für den Whistleblower Mários ist das eine Schutzbehauptung. «Früher durften alle Vögel fangen, das war ganz normal. Und jetzt, da es verboten ist, soll es plötzlich Tradition sein. Das ist lächerlich.»
Auch die Vogelschützerinnen Christou und Sedonati werden immer wieder mit dem Argument der Tradition konfrontiert. Zudem machen ihnen die alten Leimruten-Jäger*innen Vorwürfe. Nicht auf sie, die Kleinen, sollen sie Jagd machen, sondern auf die organisierten Banden. «Wir holen doch nur ein paar vom Himmel herab, der noch immer voll ist von diesem Federvieh», sagen sie dann. Sedonati schüttelt den Kopf: «Das alles ist illegal, nur darauf kommt es an. Dem Vogel ist es egal, wer ihn fängt. Solange die Jagd weitergeht, werden wir wiederkommen.» Im Mai dieses Jahres veröffentlichte das Komitee gegen Vogelmord die Zahlen zu seinem jüngsten Vogelschutzcamp auf Zypern: Aktivist*innen hätten 286 Leimruten entfernt und zur strafrechtlichen Verfolgung von fünf Jägern beigetragen. Erstmals seien keine Fangnetze gefunden worden. Ein Erfolg

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