Kommunistische Jugend Schweiz

Basisdemokratisch, zentralistisch oder einfach normal?

Ein Artikel der Genossen der Kommunistischen Jugend Zürich über den Roten Oktober:

Die Kommunistische Jugend Bern hat Ende November ein Bildungswochenende zum Thema «Kampfformen und Organisation» veranstaltet. Neben Vorträgen zu den Zapatistas in Mexiko und der POCH in der Schweiz wurde auch die neue Strategie der Tessiner Sektion der PdA vorgestellt. Es gab viel zu diskutieren.

Bis ins Berner Oberland hatte die Fahrt zwei Stunden gedauert. Niemand sonst stieg aus dem Zug aus. Im verschlafenen Dörfchen war es ruhig. Hier sollte das Bildungswochenende der Kommunistischen Jugend, der «Rote Oktober», stattfinden. Ironisch, urbane Kommunist*innen treffen sich im November zum Roten Oktober in einem ländlichen Ort, der mehrheitlich bürgerlich-konservativ wählt. Das Ferienlagerhaus, das die KJ Bern gemietet hat, fanden wir bald in der Nähe des Bahnhofs. Es wirkte wie ausgestorben. Das Rätsel der verschwundenen Genoss*innen löste sich sofort auf, als wir uns im Gebäude auf die Suche machten und alle zusammengepfercht, aber wohlbehalten im Konferenzraum vorfanden. Das erste Referat hatte bereits begonnen.

Basisdemokratische Bäuer*innenorganisation
Zwei junge Männer hielten einen Vortrag über die Zapatist*innenbewegung in Mexiko. Sie waren selber im mittelamerikanischen Land gewesen und konnten uns aus erster Hand über die EZLN berichten. Sie erzählten von ihrem Fremdenführer, mit dem sie die Strukturen und Einrichtungen der EZLN besichtigt haben. Der nicht gerade gesprächige Mann wurde noch weniger redselig, wenn konkretere Fragen zur Organisation der Zapatistas gestellt wurden. Die EZLN selbst arbeitet durchaus auch im äusseren Grenzbereich der Legalität und muss sich natürlich vor allzu neugierigen Tourist*innen schützen. Zwar wird ihre Selbstverwaltung teilweise von der mexikanischen Regierung anerkannt, durch spektakuläre Aktionen wie die im Dezember 2012, als zehntausende Zapatistas schweigend durch die Städte Chiapas zogen und damit auch die Macht einer Massenorganisation demonstrierten, muss sich die Begeisterung für sie von staatlicher Seite aus zwingend in Grenzen halten. Im Vortrag wurde uns klargemacht, dass es sich bei der EZLN nicht um eine kommunistische Organisation handelt. Die Basis der Bewegung bilden indigene Bäuer*innen, für die die Landfrage im Vordergrund steht. Enteignungen werden kaum durchgeführt, den Markt auflösen wollen sie ebenso wenig. Dennoch hat diese basisdemokratische Organisation eine starke Anziehungskraft auf viele Linke, augenscheinlich auch auf die Vortragenden. Statt Souvenirs haben sich die beiden jungen Männer bei den Zapatistas Tätowierungen vom Logo der EZLN machen lassen, die sie uns auch stolz zeigten: «Das hält länger als irgendein T-Shirt.»
Im Anschluss hielten wir eine Sitzung der Kommunistischen Jugend Schweiz ab. Vor allem freute uns, dass wir eine neue Sektion aus dem Kanton Waadt in unserer Mitte begrüssen durften. Ebenfalls grossartige Neuigkeiten brachte die Sektion Neuenburg. Ihre Petition für einen kostenlosen ÖV stiess auf grosses Interesse unter Jugendlichen. Die Mitgliederzahlen der Sektion haben sich dadurch vervielfacht, was wir direkt bezeugen konnten durch die Anwesenheit von vielen neuen Genoss*innen.

Demokratisch-zentralistische Student*innenbewegung
Nach dem Mittagessen stellte uns Thomas Peter eine Partei vor, die die Linke in der Schweiz stark geprägt hat, die meisten von uns aber nicht mehr erlebt haben: die Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH). Ihren Ursprung nahm die POCH in der Basler Student*innenbewegung anfangs der 70er Jahre. Die POCH verstand sich lange als kommunistische Partei, bis 1983 hatte sie den Marxismus-Leninismus sogar explizit in ihrem Programm. Thomas betonte, dass sie noch streng nach dem Demokratischen Zentralismus organisiert war. Die POCH hatte in verschiedenen Deutschschweizer Gemeinden beachtlichen Erfolg bei den Wahlen, in Basel und Luzern erreichten sie zeitweise über zehn Prozent der Stimmen. Auf nationaler Ebene konnte sie zu ihren besten Zeiten immerhin drei Nationalratssitze gewinnen. Die parlamentarische Arbeit war aber nur ein Teil ihrer Aktivitäten, sie baute Massenorganisationen auf wie die Frauenorganisation OFRA, die Lehrer*innengewerkschaft GE und andere. Die Partei verlangte viel: In der Basis musste kontinuierlich eine politische Diskussion geführt werden. Mitglied konnte nur sein, wer aktiv mitmachte. Thomas erzählte lebhaft, wie er zum Unterschriftensammeln für Initiativen von Tür zu Tür gehen oder frühmorgens vor der Fabrik Flugblätter verteilen musste. «Die Arbeiter reihten sich vor der Fabrik auf. Wenn der Erste das Flugblatt nicht genommen hat, haben es auch alle anderen nicht haben wollen.»
Ein Grund für den Untergang der POCH in den Neunzigern war der rasante Aufstieg der Grünen Partei. Während die POCH in jahrelanger, mühsamer Arbeit ihren Stimmenanteil um Bruchteilen von Prozenten erhöhen konnte, schwangen sich die Grünen fast augenblicklich schweizweit zu einer ernstzunehmenden Kraft auf.

Normalisierte Kaderpartei
Die intensivsten Diskussionen verursachte das Referat vom Sekretär der Tessiner Sektion der PdA, Max Ay. Der Partito Comunista (PC), wie sich die Sektion seit ein paar Jahren nennt, und ihre Jugendorganisation haben regelmässig mit eigentümlichen Äusserungen und Auftritten auf sich aufmerksam gemacht. Mit dem Vortrag über die Strategie des PC wurden diese zumindest etwas begreiflicher. Die Strategie setzt sich aus vier Punkten zusammen: 1. Der PC ist eine Kaderpartei. Nach der Analyse der Tessiner Genoss*innen befinden wir uns heute im Zeitalter des Postfordismus. Unsere Gesellschaft im imperialistischen Zentrum ist in erster Linie eine Dienstleistungsgesellschaft ohne eine in grossen Fabriken konzentrierte Arbeiterschaft. Damit hat die hiesige Arbeiter*innenklasse ihre Rolle verloren. Die Partei muss sich dem anpassen. Sie soll «statt auf Quantität auf Militanz» setzen. Sie soll Avantgarde-Partei sein und trotzdem dem Volk angehören, indem die Kader in die Massenbewegungen gebracht werden. 2. Es braucht eine «Normalisierung» der Kommunist*innen. Die Wahrnehmung der Bevölkerung gegenüber des PC soll geändert werden, sie soll als kompetent und zuverlässig gelten. Die Normalisierung betrifft auch die Mitglieder des PC: Sie müssen «Demut, Hingabe und Selbstdisziplin» beweisen und dürfen nicht exzentrisch sein. 3. Die Partei muss eine nicht-regierende Regierungspartei werden. Sie muss konkrete Antworten auf Tagesfragen liefern und nicht nur revolutionäre Slogans herausposaunen. 4. Aussenpolitisch muss sich der PC für internationale Kooperation einsetzen. Das bedeutet: «Die Partei soll die richtigen Personen und Unternehmen finden für wirtschaftliche Beziehungen mit den sozialistischen und BRICS-Ländern.» Diese Ländern sollen dadurch gestärkt werden und so den «transatlantischen Imperialismus» der USA und EU brechen.
Alle Punkte riefen heftige Kritik von der KJ hervor. Irgendwann war aber auch damit Schluss und wir liessen den Abend mit Fondue und Musizieren ausklingen.