Kommunistische Jugend Schweiz

Keine Versöhnung ohne die Wahrheit

Intan Suwandi. Ein Gespräch mit Tan Swie Ling über die Massenmorde an den KommunistInnen in Indonesien von 1965. Er erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen als politischer Gefangener sowie seine politisch-ökonomische Analyse der Ereignisse und ihre Folgen im Kontext des Imperialismus.

Frühmorgens am 1. Oktober 1965 stürmten sich als links bezeichnende Truppen die Häuser von sieben hochrangigen Generälen in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. Dabei wurden sechs Generäle getötet – drei wurden sofort erschossen, die restlichen wurden in den Süden Jakartas gebracht und dort umgebracht. Der siebte General, Nasution, konnte entkommen. Die TäterInnen verkündeten im Radio, dass sie dem linken Präsidenten Sukarno treu wären und dass sie ihn vor der Gefahr eines rechten militärischen Staatsstreichs schützen wollten. Die Gruppe nannte sich selber «Bewegung 30. September» (auf Indonesisch abgekürzt G30S).
Generalmajor Suharto, damals Befehlshaber des Strategischen Heeres-Reservekommando – der erstaunlicherweise nicht gefangen genommen wurde, obwohl er ein logisches Hauptziel des Vorfalls hätte sein müssen – übernahm die Kontrolle über die Armee am Morgen des 1. Oktobers und schlug die Bewegung schnell nieder. Der Vorfall vom 1. Oktober 1965 bewirkte den Fall Sukarnos und den Aufstieg Suhartos, der bald darauf in Indonesien eine über drei Jahrzehnte andauernde Militärdiktatur errichtete. Die Brutalität von Suhartos Neuer Ordnung ist bekannt. Aber es gibt dabei «eine Episode, die der Westen gerne vergessen würde»: Die Vernichtung der kommunistischen Bewegung und die Massaker, die dabei erfolgten.
Nachdem Suharto die Kontrolle über die Situation ergriffen hatte, bezichtigte er die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), die Strippenzieherin hinter der G30S zu sein – ein Vorwurf, der nie bewiesen werden konnte. In den folgenden Jahre wurde nicht nur die PKI vernichtet, damals die «grösste nicht regierende Kommunistische Partei der Welt», es fand ein Blutvergiessen an Hunderttausenden von KommunistInnen und SympathisantInnen statt. Von 1965 bis 1966 ereigneten sich eine Reihe von Massenmorden auf der Inselgruppe, vor allem in Zentral- und Ostjava, in Bali und in Nordsumatra. Die Massaker wurden vor allem von Armeeeinheiten verübt, aber auch von zivilen, antikommunistischen Gruppen, darunter muslimische Jugendorganisationen.
Die USA zusammen mit Grossbritannien spielten dabei eine wesentliche Rolle. Die USA halfen Suhartos Truppen durch die direkte Beteiligung der CIA und der US-Botschaft. In einem Memo vom November 1965 schrieb die CIA, dass die USA «nicht zu zögerlich» sein sollten, «die Unterstützung auszudehnen, vorausgesetzt, dass wir es verdeckt tun können». Als die indonesischen Generäle daher die USA um Waffen baten, «um muslimische und nationalistische Jugendliche in Zentraljava auszurüsten für den Kampf gegen die PKI», waren die USA schnell bereit, Hilfe zu leisten.
Die Gräueltaten beschränkten sich nicht nur auf Mord. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden eineinhalb Millionen Menschen gefangen genommen, gefoltert und eingesperrt, die meisten ohne Gerichtsverfahren, nur «mit der Begründung, kommunistische Verbindungen zu haben».
Tan Swie Ling, der am 12. September 1938 in Pekalongan, in Zentraljava, geboren wurde, war einer dieser politischen Gefangenen. Er wurde im Dezember 1966 festgenommen und verbrachte dreizehn Jahre im Gefängnis. Er überlebte schwerste Folter, Isolationshaft, Hunger und Krankheit.
Was war seine Schuld? Tan kann dazu nichts sagen. «So weit ich weiss, habe ich mich keines Verbrechens schuldig gemacht.» Das Gespräch mit Tan fand 50 Jahre nach 1965 in Jakarta statt.

Du hast Grauenvolles erlebt, Folter, Unsicherheit über die Haftdauer, Isolation. Wie hast du das überlebt?
Tan Swie Ling: Als für mich sicher war, dass ich eine lange Zeit im Gefängnis sitzen würde, musste ich mir überlegen, was zu tun ist. Bei längerfristigen Haftstrafen ist das Hauptproblem das Essen. Anfangs als die Leute ins Gefängnis kamen, hatten sie furchtbar Angst zu hungern. Dadurch wurden sie individualistisch. Wenn sie Essen hatten, assen sie alles alleine in der Nacht. Aber mit der Zeit änderte sich dies. Wir fingen an, das Essen zu teilen. Wenn jemand ein hartgekochtes Ei bekommen hatte, teilte er das eine Ei mit sieben anderen Gefangenen. Er brach es in acht Stücke und jeder akzeptierte seinen Anteil. Dadurch konnten viele Leute im Gefängnis überleben – so wie ich. Durch diese Solidarität konnten viele Leben gerettet werden. Das war für mich ein unvergessliches Erlebnis.

Du warst lange in Isolationshaft. Du hast geschrieben, wie du in der Zelle auf- und abgingst, um deine Gedanken zu beschäftigen.
Das war nicht Absicht. Das Ziel war, meine Beine zu bewegen. In einer der ersten Verhöre, hat mich ein Aufseher mit einem dicken Massstab auf die Knie geschlagen. Ich hatte danach Probleme, zu laufen. Als ich zurück in die Zelle kam, versuchte ich mein Bestes, dass die Beine heilen konnten. Also bin ich in der winzigen Zelle hin- und zurückgeschritten, nach links und rechts. Nach einer Weile begannen meine Gedanken abzuschweifen. Ich versuchte mich, an Dinge aus Büchern, die ich gelesen hatte, zu erinnern. Ich dachte über politische und historische Fragen nach.

Wie erging es dir, nachdem du aus dem Gefängnis entlassen wurdest?
Eine Schwierigkeit war nur schon das Überleben. Es stellte sich wieder das Problem des Essens. Viele ehemalige Häftlinge hatten Mühe ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Es war auch für mich schwierig, aber ich hatte Glück, weil meine Frau sehr hart arbeitete und uns durchbrachte.
Eine andere Schwierigkeit war, dass die Leute nun Angst vor mir hatten. Bevor ich ins Gefängnis kam, lebte ich in Pekalongan und hatte einen wichtigen Posten in der Baperki, einer PKI-nahen Organisation, die sich um die Probleme der chinesisch-indonesischen Minderheit kümmerte. Ich wurde von den Leuten für meine Arbeit in der Organisation respektiert und akzeptiert, obwohl ich noch sehr jung war. Als ich aus dem Gefängnis kam, war das anders. Die Leute hatten keinerlei Sympathie mehr.
Ich versuchte nach dem Gefängnis wieder aktiv zu werden. Für die chinesischen Indonesier, die Tionghoa, war die Staatszugehörigkeit ein riesiges Problem. Mein Ziel war die Abschaffung der diskriminierenden Gesetze. Natürlich konnte ich dies nicht alleine machen. Politische Arbeit kann nicht alleine gemacht werden, also habe andere angefragt mitzuarbeiten. Die meisten Organisationen haben abgelehnt. Die einzige Organisation, die bereit war, mit mir zu arbeiten, war die Indonesische Badminton-Gesellschaft. Als wir dann unser Ziel erreicht haben, haben plötzlich viele Gruppen den Sieg für sich beansprucht.

Sprechen wir nun vielleicht über die G30S. Wie wir wissen, benutzte Suharto die G30S als Vorwand, um einen jahrzehntelangen Krieg gegen den Kommunismus zu führen. In seiner Version, war die PKI die Drahtzieherin der Bewegung. Das führte zu den Massenmorden und zur antikommunistischen Stimmung. Viele Anhänger der PKI, die gefangen wurden, glaubten schliesslich selber, dass die Partei die Schuld dafür tragen würde. Du hingegen warst immer überzeugt, dass die PKI – trotz ihren Schwächen und Fehler – nicht für die G30S verantwortlich war. Die wirklichen Drahtzieher waren die imperialistischen Mächte, insbesondere die USA mit der CIA. Was ist deine Ansicht der Ereignisse; was denkst du, ist wirklich passiert?
Die Einmischung der USA hatte mehrere Gründe: Ein Grund waren die Rohstoffe Indonesiens. Wenn kein «Gold» aus der Sache herausgekommen wäre, hätte die USA nicht diese Dinge getan. Offensichtlich war der Hauptgrund ökonomischer Natur.
Die USA können als «moderne» Nation betrachtet werden. Sie entstanden, nachdem Amerika – wie sie sagen – von Kolumbus «entdeckt» wurde. Auf die «Entdeckung» folgte ein Genozid an den Ureinwohnern. Diese «Entdeckung» kann nicht von der Entwicklung des Kapitalismus insgesamt getrennt werden, insbesondere nicht vom Kapitalexport. Die Ausdehnung – die «Globalisierung» – hat immer schon als Mittel des Kapitals gedient, um «rückständige» Gesellschaften zu kontrollieren, zu unterdrücken und auszubeuten.
Die USA haben so gesehen eine «historische Mission»: Die Entwicklung des Kapitalismus zu schützen und zu fördern. Sie werden unter jeden Umständen, mit oder ohne Gewalt, koste es, was es wolle, die Interessen des Kapitals verteidigen. Sie werden Länder zerstören. Man sehe sich nur die Länder im Mittleren Osten, den Irak an.

Also wurde Indonesien als Hindernis angesehen und hat das Schicksal mit der G30S erleidet?
Genau. Sukarno war ein Hardliner, wenn es um den antikolonialistischen und antiimperialistischen Standpunkt ging. Die USA und der Westen können nicht bestehen, ohne das Leben aus den anderen Ländern zu saugen. Sukarno betonte diesen Punkt stets. Dadurch war er ein Angriffsziel. Wenn Indonesien damals den Imperialismus als Feind der Revolution betrachtete, dann wurde Sukarno als Feind des Imperialismus betrachtet.
Die imperialistische Mächte sträubten sich heftig dagegen, dass die unterdrückten Länder Souveränität erlangten. Was war das Ziel der USA zum Beispiel im Vietnamkrieg? Es war der Versuch, die antiimperialistische Bewegung zu hindern, sich auf andere unterdrückte Länder auszubreiten. Das Gleiche in Indonesien: Wir waren ihnen gefährlich. Sukarno betonte die Notwendigkeit, dass sich die Ex-Kolonien gemeinsam vom Imperialismus befreien mussten.
In den Ex-Kolonien stand meist die kommunistischen Bewegungen hinter dem Kampf um Souveränität. Die PKI wurde zum Angriffsziel, weil sie auf Sukarnos Seite standen.

Wie nahe standen sich Sukarno und die PKI?
Sie standen sich tatsächlich nahe. Ein Indiz dafür ist, dass Sukarno seine Reden von Njoto schreiben liess, der ein führendes Mitglied der PKI war. Das war nicht wenig. Zum Beispiel diente die von Njoto geschriebene Rede zum Unabhängigkeitstag als eine Art Richtlinie für die folgenden Jahre. Sukarno sagte, «die PKI ist mein Geschwister und mein Freund». Das war nicht nur leeres Gerede. Egal wie gross der Druck war, Sukarno hat nie eingewilligt, dass die PKI aufgelöst wurde. Bis zum Schluss verteidigte er die Partei. Aber man muss bedenken, dass es auf beiden Seiten – in der PKI und besonders im Umfeld Sukarnos –«unaufrichtige» Individuen gab. Man muss sich nur seine Tochter Megawati anschauen. War sie jemals den Idealen ihres Vaters treu? Aber so funktioniert wohl die Politik.

Glaubst du, Sukarno und die PKI waren auf dem richtigen Weg in ihrem Kampf gegen den Imperialismus?
Ich würde eher sagen, nein. Was in der Partei vorherrschte war kein «ideales» kommunistisches Denken. Sie glaubten, dass die Revolution durch Wahlen gewonnen werden könnte. Anders als zum Beispiel in China, wo die Kommunisten dem echten Kampf verpflichtet waren – «Lasst uns kämpfen, auch wenn wir dafür bluten!» – hatte die PKI die Illusion, das Wahlsystem könnte sie zum revolutionären Erfolg führen. Ich weiss also nicht, was an ihr so besonders bedrohlich war für den Imperialismus. Trotzdem ist die PKI als Gefahr angesehen worden.

Gibt es in Indonesien Diskussionen darüber, was passiert ist?
In letzter Zeit gibt es Diskussionen über die Menschenrechte und die Gräueltaten, die nach G30S geschehen sind. Diskutiert wird, wie man damit umgehen soll. Es gibt diejenigen, die für den juristischen Weg plädieren. Dass heisst, man soll die Täter vor Gericht bringen. Andere sagen, man müsse sich versöhnen. Aber ich denke, wir können uns nicht versöhnen, bevor die Wahrheit herausgekommen ist.
Die gegenwärtige Regierung hat keine Fortschritte gemacht. Es wird von ihr gefordert, dass sie sich für die Verbrechen entschuldigt. Das wäre eine wichtige Geste. Aber eine Entschuldigung allein genügt nicht. Was wir brauchen ist ein Schuldbekenntnis – dass das, was uns erzählt wurde, nicht den Tatsachen entspricht. Die Regierung muss eingestehen, was wirklich passiert ist.

Das scheint mir zusammenzuhängen mit dem Problem des Antikommunismus. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Berichterstattung, dass die Massenmorde und Masseninhaftierung von denjenigen verurteilt wird, die beschuldigt wurden, Kommunisten zu sein. Es wird impliziert, dass es weniger schlimm sei, wenn die Opfer tatsächlich Kommunisten waren. Was denkst du?
Und wenn schon. Es ist nichts falsch daran, dass wir Kommunisten sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass die Kommunisten in Indonesien schon lange vorher verfolgt worden sind. Aber weil die Verfolgten nie aufhörten, vorwärts zu gehen, sind sie immer mehr geworden. Hätten sie aufgegeben, wäre alles vorbei gewesen. Schon von Anfang an, schon von den Holländern ist der Kommunismus verboten worden. Nicht nur verboten, die involvierten Personen wurden ins Exil getrieben oder gefangen genommen. Diesen Leuten waren die Kosten für ihre politische Einstellung bewusst. Sie haben so viel getan für dieses Land. Sie haben das Recht unserer Nation auf Souveränität verteidigt. Unsere jungen Genossen müssen das begreifen.

Kannst du etwas mehr über Souveränität sprechen?
Was ist entscheidend für Souveränität? Eine eigene Produktion. Wenn wir nicht die Güter für unsere Bedürfnisse produzieren können, dann ist Souveränität nur ein leeres Wort. Und woher haben wir dieses Wissen? Von der Sowjetunion. Sukarno hat begriffen, dass die Sowjetunion damit gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg gewinnen konnte.
Eine Nation kann Kontrolle über die Produktion haben, wenn sie frei und unabhängig ist.Wir müssen uns von der Unterdrückung durch die imperialistischen Mächte befreien. Und wir müssen dazu starke politische Organisationen aufbauen.

Was können wir aus den schmerzlichen Erfahrungen lernen?
Eine der schlimmsten Konsequenzen aus der G20S und der Neuen Ordnung Suhartos war die Enthauptung der indonesischen Linken. Wir wurden umgehauen und konnten für fünfzig Jahre nichts tun. Als G30S geschah, konnte die besiegte indonesische Linke nur mit dem Finger auf D. N. Aidit, dem Vorsitzenden der PKI, zeigen. Ihm wurde die Schuld an allem gegeben. Es ist verständlich, dass er die Verantwortung tragen musste, weil er die Nummer eins in der PKI war. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Ihm wurde die Schuld gegen, alle anderen waren im Recht. Vielleicht erklärt das, weshalb wir uns nicht wieder aufrichten konnten.
Wir sollten nicht gegeneinander kollidieren. In den 60er Jahren, wenn die Sowjetunion etwas tat, war China dagegen und umgekehrt. Wenn Jugoslawien etwas tat, widersprach die Sowjetunion. Ich denke, wir müssen von den konkreten Taten unserer Genossen, zum Beispiel in Südamerika, lernen. Statt sie zu beneiden, müssen wir von einander lernen und die Leistungen der anderen anerkennen. Wir müssen solidarisch sein unter Sozialisten.