Kommunistische Jugend Schweiz

«Eine gewisse revolutionäre Tendenz»

pdi. Am 18. Juni hat die Juso ihr neues Präsidium gewählt: Mit Tamara Funiciello steht nun erstmals eine Frau an der Spitze der JungsozialistInnen. Im Interview mit dem vorwärts spricht sie über die geplante Volksinitiative, die Mängel der Mutterpartei und Gewerkschaftsarbeit.

Tamara, dein Wahlkampfprogramm trug den Titel: «Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat». Ein Zitat von Rosa Luxemburg. Bist du Revolutionärin?
Ich bin Reformistin und Revolutionärin. Man muss sich immer bewusst sein, was es im Moment gerade braucht und was im Moment gerade machbar ist. Man muss beides verbinden. Ich kämpfe dafür, dass wir irgendwann andere Machtverhältnisse haben in dieser Gesellschaft, dass wir irgendwann keine Konkurrenzverhältnisse mehr haben, keine Wirtschaft, die sich nach dem Profit orientiert sondern nach den Bedürfnissen der Menschen. Das ist mein Ziel. Und wenn es eine Revolution dazu braucht – dann nehmen wir eben diese Revolution.
Was ist denn von den Jungsozialisten mit dir an ihrer Spitze zu erwarten?
Ich möchte eine Juso, die breiter vernetzt ist, etwa mit den Gewerkschaften und mit den linken ausserparlamentarischen Blöcken. Es ist nötig, dass man vermehrt zusammenarbeitet. Wir brauchen eine starke Linke, wir brauchen unbedingt linke Strategien. Denn das fehlt diesem Land im Moment. Ich glaube, dass die Juso in diesen zwei Punkten eine entscheidende Rolle spielen kann. Wir haben das im Rahmen der 1:12-Initiative geschafft. Genau so etwas brauchen wir wieder. Und diese Chance bekommen wir mit unserem neuen Projekt.
Dieses neue Projekt soll eine Volksinitiative sein. Das haben die Delegierten entschieden, ohne aber überhaupt ein konkretes Thema zu haben. Geht Form über Inhalt?
Diesen Weg sind wir bereits bei der Spekulationsstopp-Initiative gegangen. Das Instrument der Initiative hat eine ausserordentliche Schlagkraft. Man ist auf der Strasse, um Unterschriften zu sammeln, man hat Kontakt mit den Leuten, man hat Aufmerksamkeit. Die Juso ist, im Gegensatz zu anderen Parteien wie etwa die FDP, initiativfähig. Das ist ein starkes Zeichen. Deshalb ist es wichtig, dass wir dieses Instrument auch nutzen. Einerseits, um auf unsere Schwerpunkte aufmerksam zu machen. Andererseits aber auch, um neue Diskurse zu eröffnen und neue Perspektiven zu suchen.

Du hast in deinem Wahlkampf die Einführung der 25-Stunden-Woche gefordert. Ist damit das Thema für die Initiative bereits gesetzt?
Ich habe diese Idee lanciert und in den Raum geworfen. Ob sie aufgenommen wird oder nicht, dass wird die Basis entscheiden. Logisch hätte ich diese Forderung aber nicht aufgestellt, wenn ich sie nicht für wichtig halten würde und ich hoffe, dass Arbeitszeit grundsätzlich eine Thematik bleibt.

Arbeitszeitverkürzung ist ein Gewerkschaftsthema. Warum soll sich gerade die Juso darum kümmern?
Ich finde, dass die Gewerkschaften und die Juso zusammenarbeiten sollten. Schlussendlich sind wir die Vertreterinnen und Vertreter der Lohnabhängigen. Das sind wir in der Juso und in den Gewerkschaften, jedoch mit unterschiedlichen Rollen. Wenn man die 25 Stunden-Woche fordert, hat das ja nicht mehr nur eine gewerkschaftliche, sondern – ich würde sagen – auch eine gewisse revolutionäre Tendenz. Ausserdem hat die Arbeitszeitverringerung eine sehr lange Geschichte. So wurde etwa der 1. Mai zu Ehren eines Aufstands lanciert, der Ende des 19. Jahrhunderts in Chicago stattfand und bei dem für eine Arbeitszeitverringerung gekämpft wurde.
Die Reduktion der Arbeitszeit ist ein Thema, das immer wieder im Zentrum gestanden hat. Die Einführung der AHV ist im Endeffekt auch eine Arbeitszeitverringerung und wir haben weitere Beispiele in der jüngeren Geschichte, etwa das Rentenalter 60 auf dem Bau. Die Arbeiterschaft hat sich sehr häufig hinter diese Forderung gestellt.
Weiter betrifft das Vorhaben der 25-Stunden-Woche nicht nur die Angestellten, sondern auch diejenigen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten. Waschen, putzen, pflegen – all das lastet im Moment vor allem auf dem Rücken der Frauen. Deshalb ist die Arbeitszeitverkürzung zugleich eine feministische Forderung. Ich glaube, dass sich darüber unterschiedliche Interessen und Gruppen miteinander verbinden lassen.
Ich denke, die 25-Stunden-Wochen hat sehr viel Potential – auch im internationalen Kontext. Man schaue im Moment nach Frankreich: Dort wird im Moment um den Erhalt der 35-Stunden-Woche gekämpft. Das ist dort ein stark gewerkschaftlich geprägter Kampf, weil es um Abbau geht und dennoch ist die Bewegung sehr breit gefächert.

Wirtschaft und Feminismus sind also die Themen, die deine Amtszeit bestimmen werden?
Ich habe ein Manifest geschrieben in dem ich auf drei Themen besonders eingegangen bin. Erstens: das Thema »Wirtschaft«. Dort liegt die Kernkompetenz der Juso. Wir sind davon überzeugt, dass das Wirtschaftssystem alles andere beeinflusst. Deshalb ist es wichtig, dass man die Machtverhältnisse in diesem Wirtschaftssystem aufdeckt und angreift, damit man eine Veränderung hervorrufen kann.
Zweitens: das Thema «Feminismus». Als erste Präsidentin der Juso habe ich eine Plattform, um das Thema Feminismus weiter in den Fokus zu rücken. Dort gibt es auch Anschlusspunkte an die SP, die sich dort momentan neu positioniert – insofern, dass man auch linken Feminismus macht, und nicht nur, wie ich es nenne, BDP-Feminismus. Ich meine, es ist wichtig und richtig dass man für Lohngleichheit kämpft. Aber die Diskriminierung von Frauen geht weiter. Sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung sind Themen, die stärker aufgegriffen und vor allem in den Zusammenhang mit dem kapitalistischen System gestellt werden müssen.
Drittens: das Thema «Migration», das in den vergangenen Jahren von der Linken im Allgemeinen – nicht nur in der in der Schweiz sondern in ganz Europa – vernachlässigt wurde. Wir müssen aufpassen, dass wir den Rechten das Feld nicht überlassen. Denn wir haben Antworten auf die Migrationsthematik und diese Antworten sind internationalistisch.

Wie ist das zu verstehen?
Man muss sich bewusst sein, warum Menschen fliehen müssen. Wegen Krieg, mangelnder Perspektiven, Diktaturen. All das steht im Zusammenhang mit dem Kampf um Ressourcen – und somit im Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Diese Verbindung muss unbedingt aufgezeigt werden. Es gilt es auch klar aufzudecken, dass nicht der Mensch mit einem anders farbigen Pass Schuld daran ist, dass ich weniger Lohn habe, sondern dass es die Chefs sind, die mir weniger Lohn geben. Dass dort die Interessen zusammenprallen. Das ist die Perspektive, die wir als Linke einnehmen müssen.

Die SP tut das nicht?
Nicht genug. Die Antworten sind nicht klar, nicht pointiert genug. Die Linke in der Schweiz ist visionslos. Die SP startet sehr häufig mit einem Kompromiss in einen Kampf. Das ist falsch. Die SP muss mit krasseren Forderungen starten und dann erst im Kompromiss enden. Es ist notwendig, klare Ansprüche zu formulieren, Problematiken aufzudecken und Alternativen aufzuzeigen. Das macht die SP für mich im Moment zu wenig.

Kompromissbereit zeigst du dich selbst. Nämlich in deiner Funktion als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia. In deinem Wahlkampf hast du gesagt, du seist bereit, an die UnternehmerInnen Zugeständnisse zu machen und hast dich zur Sozialpartnerschaft bekannt. Kompromiss und Sozialpartnerschaft – was hat die Arbeiterschaft davon?
Corrado Pardini [Unia-Gewerkschaftssekretär und SP-Nationalrat, Anm. d. Red.] hat einmal gesagt: Man muss die Menschen auf die Barrikaden führen – aber man muss sie auch sicher wieder runterführen. Als Gewerkschafterin ist man immer im Dilemma zwischen dem, was man erreichen kann und dem, was man erreichen möchte. Logisch möchten wir Massen auf die Strasse führen und die Revolution ausrufen. Aber wir haben die Mehrheiten im Moment nicht, um ausserhalb einer Sozialpartnerschaft zu wirken. Das ist das erste. Und das zweite ist ganz wichtig: Das Individuum steht absolut im Zentrum. Das Wirken muss so sein, dass das Individuum keinen Schaden davonträgt. Logisch kann ich einmal versuchen, ein Exempel zu statuieren. Doch während die Medien sich freuen, verliert die Person wahrscheinlich ihre Arbeitsstelle. Das ist nicht zielführend. Man muss von Situation zu Situation schauen, was die Bedürfnisse und Interessen sind und wie man sie miteinander in Verbindung bringen kann. Was nicht gemacht werden darf, ist Politik auf dem Rücken von Einzelnen. Die Betroffenen müssen immer die gesamte Entscheidung mittragen. Das ist häufig der Fall und ich wünsche mir, dass man das weiterhin macht.
Ich selbst werde bei der Unia jedoch aufhören. Das ist klar, weil es eben ein Widerspruch ist, Gewerkschaftssekretärin zu sein und zugleich Präsidentin der Juso. Beide Rollen einzunehmen wäre sehr schwierig, weil sie eben weit auseinanderliegen: Auf der einen Seite sind die krassen Forderungen, die man als Juso-Präsidentin stellen kann und auf der anderen Seite ist die Feinarbeit auf individueller Ebene und die Kompromisse, die als Gewerkschaftsvertreterin geschlossen werden müssen. Das lässt sich nicht vereinen. Deshalb werde ich von meiner Stelle bei der Unia zurücktreten.

Tamara Funiciello ist 26 Jahre alt und wohnt in Bern. Sie ist Tochter einer Detailhandelsangestellten und eines Fabrikarbeiters. Funiciello hat italienische Wurzeln, arbeitet als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia und ist Mitglied in der Geschäftsleitung der SP Kanton Bern, sowie Co-Präsidentin der Juso Kanton Bern.

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