Kommunistische Jugend Schweiz

«Zwei Gleiche sind ein Paar»

Auf Kuba wurden LGBT-Menschen lange Zeit stark diskriminiert und verfolgt. Mittlerweile hat sich vieles verändert. Was tut das neue Kuba für homosexuelle und transgender Menschen? Gibt es dort eine progressive LGBT-Bewegung? Eine Bestandesaufnahme.

Wer ohne viel Hintergrundwissen an Kuba, Che Guevara oder Fidel Castro denkt, stellt sich eigentlich nicht ein sehr wohlwollendes Lebenssituation für Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen (LGBTs) vor. Bereits unter dem diktatorisch regierenden Staatspräsidenten Fulgencio Batista y Zaldívar – der 1958 durch die kubanische Revolution gestürzt wurde – war beispielsweise Homosexualität verboten. Auch zehn Jahre später noch hat die kubanische Führung homosexuelle und transsexuelle KubanerInnen im glücklicheren Fall in «Umerziehungslager» gesteckt, wo sie auch Zwangsarbeit leisten mussten. Unangepasste Mitglieder der LGBT-Community wurden inhaftiert. Der verfilmte autobiografische Roman «Bevor es Nacht wird» des Schriftstellers und Dichters Reinaldo Arenas erzählt davon: Arenas schätzte sich in den 1970ern glücklich, eine Schreibmaschine zu besitzen; seine Texte wurden aber verboten und er bald verhaftet – unter den Vorwürfen der Homosexualität, Pornografie und der Spionage. Reinaldo Arenas wird sich später selber umbringen, erkrankt mit einer HIV-Infektion – aber nicht in Kuba. Wäre er auf der Insel geblieben, hätte man ihn wohl in ein Sanatorium gebracht, eine Art Sammellager für HIV-Infizierte mit medizinischen Hilfsangeboten.

Diskriminierung in Europa
Rückblickend erklärte Castro diese Verfolgung eine «spontane Reaktion der Revolutionäre, die auf den Traditionen der Nation beruht»; also als eine Art Altlast. Es wurden während der Vorgängerregierung nicht nur Homosexuelle stark diskriminiert, sondern auch Frauen und andere Personengruppen. Dies soll keine Ausrede sein, sondern eine Analyse, oder wie Lenin es formulierte: «Mit dem Ausbruch der Revolution sind die Menschen nicht zu Heiligen geworden. Jahrhunderte lang unterdrückt und eingeschüchtert, niedergehalten in Not, Unwissenheit und Verwilderung, können die werktätigen Klassen die Revolution nicht durchführen, ohne Fehler zu machen.»
Wer über die unwirtliche Situation in Kuba spricht, darf über die groben Missstände in Europa nicht schweigen. Als Vergleich zum kleinen Inselstaat in der Karibik wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1969 gleichgeschlechtlicher sexueller Verkehr bei einem Schutzalter von 21 Jahren legalisiert – zuvor standen unter dem Artikel § 175 des deutschen Strafgesetzbuches sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Anfangs der 1970ern reduzierte die Regierung das Schutzalter auf 18 Jahre. Auch nach dieser ersten Entkriminalisierung wurden polizeilich Daten über «echte» und vermeintliche Homosexuelle erhoben und sogenannte rosa Listen angefertigt – diese Homosexuellenkartei diente zur polizeilichen Sicherung unter dem Stichwort «präventive Verbrechensbekämpfung». Der Deutsche Bundestag vereinheitlichte erst 1994 durch Aufhebung des § 175 das Schutzalter für Homo- und Heterosexuelle auf 14 beziehungsweise 16 Jahre im Zuge der Rechtsangleichung nach der deutschen Wiedervereinigung. Ähnliche Beispiele zur Diskriminierung wie in Deutschland finden sich auch anderswo in Europa.

Fortschritte auf Kuba
Seit 1979 ist die Ausübung sexueller Handlungen in Kuba nicht mehr verboten. Mehr noch – Kuba legalisierte 2006 beispielsweise die Geschlechtsumwandlung und betreffende Personen können offiziell ihre Ausweispapiere ändern lassen. Fidel selber sprach von einer «grossen Ungerechtigkeit» und in seiner Biografie «Mein Leben» kritisiert er die Machokultur Kubas und plädiert für die Akzeptanz und Toleranz gegenüber Homosexuellen. Es sei Castros persönlicher Fehler gewesen, dass nichts dagegen unternommen wurde: «Wenn jemand Verantwortung trägt, dann bin ich das.» Nach der Machtübernahme habe er viel Arbeit gehabt, dabei sind die Rechte von Lesben und Schwulen untergegangen – es standen die Auseinandersetzung mit den USA und andere politische Entscheidungen an. Diesen Fehler wieder gut zu machen, ist Kuba zurzeit dran: Insbesondere Fidels Nichte Mariela Castro setzt sich für die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren ein und es wird über die Einführung von eingetragenen Partnerschaften diskutiert. Die Tochter des amtierenden kubanischen Präsidenten Raúl Castro ist Leiterin des staatlichen Nationalen Zentrums für Sexualaufklärung (Cenesex). Es handelt sich dabei um die einzige staatlich zugelassene Organisation, die sich auch für die Rechte der LGBTs einsetzt.
Man liest von einigen AktivistInnen, die kritisieren, dass internationale Events wie die «Pride Week» für die Rechte von LGBTs auf Kuba nicht durchgeführt werden. Diese AktivistInnen sind der Meinung, dass Mariela Castro die Aktivitäten der LGBTs zu steuern und kontrollieren versucht. «Eigentlich reichen die Wurzeln des Cenesex in die 60er Jahre, als der kubanische Frauenverband FMC die Kubanerinnen für den Kampf um die Gleichberechtigung zu organisieren begann und die Frauen darin unterstützte, sich auch wirtschaftlich von den Männern zu emanzipieren. Die Frauen wurden motiviert, sich am Prozess des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandels aktiv zu beteiligen und sich einzumischen. Gleichzeitig begann man sich um ihre spezifischen gesundheitlichen Bedürfnisse zu kümmern.» Mit aufklärenden Programmen wurden den kubanischen Frauen mithilfe von Vorträgen Kenntnisse und Wissen vermittelt: Über das «Frau-Sein» allgemein, den weiblichen Zyklus, Verhütung – kurz Reproduktion und Prävention. So entstand langsam ein Bedürfnis nach einer kontinuierliche Sexualerziehung. Teilnehmende Frauen stellten Forderungen wie eine Unterstützung der Sexualerziehung ihrer Kinder. Denn kommende Generationen sollten sich nicht mit den gleichen Problemen herumquälen müssen wie sie selbst, schreibt Martin Schwander in einem Artikel in «Unsere Welt», der Zeitung der Schweizerischen Friedensbewegung.

«Weiter als die Schweiz»
Der Weg ist steinig: 2013 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung am Arbeitsplatz verbietet. Parallel dazu existiert aber immer noch beispielsweise der Artikel 303a im kubanischen Strafrecht, nach dem die «öffentliche Zurschaustellung von Homosexualität» illegal ist. Trotz dieser Baustellen kommen viele positive Nachrichten vom sozialistischen Karibikstaat. Menschen mit HIV wird ein qualitativ hochwertiges Angebot an Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten angeboten, Geschlechtsumwandlungen werden kostenlos gemacht. Mit öffentlichen Aufmärschen feiern homosexuelle Menschen selbstbewusst ihre Sexualität oder mit Mariela Castros Segen bindet Reverend Roger LaRade bei einer anderen Aktion homosexuelle Paare zur «heiligen Partnerschaft» – dies obwohl die Ehe für homosexuelle Menschen im sozialistischen Kuba eigentlich verboten ist. Raúls Tochter ist sehr zuversichtlich, dass im Land bald alle heiraten können. Dass sich Mariela Castro der internationalen LGBT-Bewegung verweigert, stimmt nicht: Zum Beispiel reiste sie 2010 auf Einladung des damaligen Präsidenten des FC St. Pauli, Corny Littmann, an den Christopher Street Day (CSD) in dem Hamburger Stadtbezirk, um daran teilzunehmen.
«In gewissen Punkten scheint Kuba weiter zu sein als die Schweiz. Dass Trans-Menschen mit wenig Bürokratie ihr Geschlecht wechseln können, daran könnte die Schweiz sich messen … Die Idee einer staatlichen LGBTI-Stelle hört sich ebenfalls sehr spannend an», meint Christoph Janser von den Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern. Europa kann von der LGBT-Bewegung in Kuba lernen. Die deutsche Zeitung «junge Welt» hat einen Inselbesuch gemacht und dabei Erstaunliches erfahren. Sogenannte «Gay Prides» beinhalten in Kuba nämlich noch mehr als ihre internationalen Pendants: «Es gehe nicht nur um den Stolz von Lesben und Schwulen auf ihre Identität, sondern um die Gleichberechtigung aller in allen Bereichen, unabhängig von ihrer Orientierung oder Identität.» So gibt es hier keine LGBT-Community, sondern eine LGBTH, was Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle und solidarische Heterosexuelle (und Asexuelle) meint. Kubas Kampftag ist daher auch nicht wie die üblichen CSD-Demonstrationen am 28. Juni, sondern um den 17. Mai herum – nämlich an diesem Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation 1990 entschied, Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen.

Revolutionäre Prinzipien
«Zwei Gleiche sind ein Paar», meint eine aktuellere Plakatkampagne des Cenesex. Darauf abgebildet sind beispielsweise zwei Rasierpinsel oder zwei Tangas – aber eben nicht nur. Eine Lebenspartnerschaft ist die Einheit von zwei Menschen, ohne über das Geschlecht zu sprechen: dieser Vorschlag wurde 1976 bei einer sozialistische Verfassung Kubas leider abgelehnt. So ist es immer noch Ziel, alle dauerhaften Lebensgemeinschaften gleichberechtigt anzuerkennen und nicht nur wie in Europa oder USA für eine «Homo-Ehe» zu kämpfen. Jede Gemeinschaft von zwei Menschen soll vor dem Gesetz die gleichen Rechte und Pflichten haben, ob beide nun «Hochzeit» gefeiert haben oder nicht. Die Bewegung rund um Mariela Castro versucht, klassischen marxistischen Standpunkten zu folgen. Es geht dabei primär nicht darum, die LGBT-Community mit Rechten wie Heirat oder Adoption von Kindern auszustatten und sie so in die Wertvorstellungen der bürgerlichen Familie einzuordnen, sondern vielmehr ursprüngliche Kernfamilien zu entlasten und eine Vielfalt von Lebensgemeinschaften anzustreben, bei der nicht die Kleinfamilie mit ihren traditionellen Stereotypen im Privaten, sondern die Gemeinschaft als Ganzes für eine Gleichberechtigung in allen Bereichen verantwortlich ist. Die kubanische Bevölkerung mit ihrer Machokultur hat noch starke Vorbehalte gegen sexuelle Minderheiten: Doch das Individuelle ist auch politisch. In Kuba gegen Lesben, Schwulen und Transgender zu sein, ist gegen die Prinzipien der kubanischen Revolution.