Kommunistische Jugend Schweiz

«Ich gehe mit den grossen Weg»

Aus der bürgerlichen Umwelt kommen wir, unsere Väter und Erzieher schulten uns. Nun wenden sich unsere Erkenntnisse, die wir mit ihren Mitteln begreifen lernten, gegen sie selbst. Wir haben den rechten Weg gefunden. Wir werden ihn zu Ende gehen. Und was wir als richtig erkannten, das propagieren wir vor allen Menschen, die zur Klasse der Unterdrückten gehören, hier im Mob vor unseren Kameraden, vor der Jugend.
Nicht ist es entscheidend, ob einer eine verkorkste Visage oder ein Madonnengesicht hat, einen Buckel oder die Syphilis, wichtig ist die klare, eindeutige Linie. Deshalb hassen wir auch den Bohemien, den vielfältigen Literaten, den verschwommenen Lyriker. Mit Hohn gehen wir an den Herren vorbei, die den Most zitieren, der sich absurd gebärdet und doch noch Wein wird.
Wir hassen das Sentimentale, Weinerliche.
Wir lieben das Einfache, Grosse.
Wir bekennen uns zu Lenin.
Bei dem beginnt die Linie und also auch bei der Masse, bei der Arbeiterschaft. Wir glauben an die Schicksalsbestimmtheit der Bergkumpels und Metallarbeiter, der Textilproleten und Eisenbahner. Nicht aus Sentiment oder aus Humanitätsduselei. Wir haben nicht nur die materialistische Geschichtsauffassung studiert, nicht nur die marxistische Dialektik begriffen, wir sind auch in die Fabriken gegangen, in die Betriebe, in die Bergwerke, haben agitiert, geredet und gearbeitet, gehungert, demonstriert und mitgekämpft und auch geblutet: So sind wir mit denen fester verbunden als mit unseren Vätern.
Denn das war der erste Bruch mit dem Gefühl: Wir gingen in die Arbeiterorganisationen, in die Partei.
Politik ist heute Auseinandersetzung der Männer. Mit Worten. Und dann mit Blut. Blut ist reinlich. Aber die drüber bluten nur, wenn sie von dreckigen Instanzen in die Schlacht kommandiert werden. Von gemeinen Kommandostellen. Von Banken und Börsen und von der Schwerindustrie. Letzten Endes aber von Wall Street. Und Geld ist das Schmutzigste. Die Drahtzieher sind im Nebel, unklar, verschwommen, mit verkalkten Arterien, Phonographen, Muskelmaschinen.
Auch wir sind noch unfertig. Aber wir sind guten Willens und wir werden die tausend Schalen noch abschütteln. Täglich tun wir das. Täglich entbürgerlichen wir uns mehr. Wir meldeten uns vom Religionsunterricht in den Schulen ab, traten aus der Kirche aus: Heiligenekstase, Christus am Kreuz, Konfirmandenstunden sind kleinbürgerliche Vorstellungen und Einrichtungen. Wir sehen, wie all diese Mystik und Religiosität von der Hauptsache ablenkt, wegführt von den grossen, wichtigen Dingen. Der Weihrauch der katholischen Kirche schläfert ein – mehr als ein Symbol! Der Schächer zur Rechten, der nicht in der letzten Stunde noch seine Gesinnung wechselte, war heroisch. Er war konsequent. Konsequenz: Warum könnt ihr das nicht mehr? Ihr macht etwas falsch, warum lauft ihr dann herum, erklärt, berichtigt, bückt euch devotisch und bittet tausendmal um Verzeihung. Warum? Ihr seid nicht mehr jung! Aus Fehlern lernt man, zieht rücksichtslos die Folgerungen, aber man entschuldigt sich nicht.
Was wir jetzt lesen? Wenn überhaupt etwas, dann: Lenin, «Staat und Revolution»; Stalin, «Lenin und der Leninismus». Warum?
Dort geht ein Mann seinen Weg: Aufrecht, konsequent. Und ihr lernt Taktik, die Form des Kampfes gegen das System und die Organisierung der Werktätigen gegen dieses System.
Da schreibt uns einer: Auch die Arbeiter sind keine Engel. Nein, Gott sei Dank. Sie sind alles, nur keine Engel. Das wäre zum Kotzen. Dann gäbe es kein Klassenbewusstsein mehr. Dann gäbe es nicht diesen herrlichen proletarischen Heroismus, dann wären sie eben keine Arbeiter mehr. Und wir werden alles daransetzen, um sie vor diesem entsetzlichen Schicksal zu bewahren. Ihr Instinkt rettet sie aber sicher vor dieser Pleite. Sie bleiben weiter, was sie sind: unerschrockene, brutale, gemeine Kerls, die ein Ziel kennen und das erreichen werden.
Augenblicklich ist es wieder einmal schick, dernier cri, die Unfähigkeit des Proletariats festzustellen. Die Hochkonjunktur der Revolutionsbegeisterung ist vorbei, vorbei auch die Zeit, wo aristokratische Dämchen en masse beim Anblick eines Strassenkehrers erotisch erregt wurden. Jetzt, wo die Periode der Arbeit, der Kampfvorbereitung, im bürgerlichen Sinne der Stagnation und Flute begonnen hat, wo sich die Revolution zwischen zwei Wellen befindet, ziehen sich plötzlich die Geistigen, die Feigen, Unfreien und Problematischen, die den tragischen Charakter der Welt als fatalistischen Vorwand für ihre blamable Passiv-Existenz erklären, in gefahrlose Zonen zurück. Wir aber stehen nie verlassen. Die Eltern werfen uns aus dem Haus, wir behalten unsere Ruhe. Wir bleiben gelassen, auch wenn wir nicht auf Federbetten schlafen (drei Monate Kinoportier oder Nachtkellner ist sehr heilsam). Erst die Linie finden, dann werdet ihr immer wissen, was zu tun ist. Im richtigen Moment das Richtige tun. Diese leninsche These ist auch unsere Aufgabe. Merken wir aber trotzdem einen Fehler, dann bleiben wir ruhig, mit kaltem Blut, ohne zu brüllen. Wir ziehen Bilanz. Wir lernen aus dem Fehler.
Die Notwendigkeit des Kollektivismus begreifen? – Was liegt daran! Aber den Kollektivgeist fühlen, das ist wichtig, das ist notwendig, das ist auch nicht schwer, es gehört nur dazu: in Kontakt mit den werktätigen Proleten zu sein. Und wer das nicht ist, erzählt dann, die Arbeiter wären dazu nicht reif.
Wir hetzen euch planmässig auf. Niemand soll warten, bis ihn der Hunger zum Rebellen macht. Jeder fange an. Jeder kann still, klar und präzis, ohne Radau arbeiten für die grosse Sache, lernen, vorbereiten, agitieren, Blut durch den Körper jagen lassen; wie lange schlaft ihr nachts? Wir dachten erst, zehn Stunden seien nötig, es genügen auch fünf! Nur müsst ihr vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen euch kalt abreiben. Das ist nötig. Zur geistigen Hygiene die körperliche. Jeder muss das Mass der körperlichen Hygiene für sich selbst bestimmen. Die populärsten Tatsachen, dass man z.B. Die Zähne am Abend putzt usw., muss jeder wissen. Das verfemte Boxen, Leichtathletik, vor allem Schwimmen, auch Paddeln, kann und muss jeder ausüben. Nicht auf Formeln und Verpflichtungen festlegen, immer an das Leben und an die Zeit glauben. Mit hellen Augen das Wichtige ansehen.
Kritisch, unbestechlich, jung.
Wir hetzen euch planmässig auf.
Gegen die Schablone, gegen die Bonzen, gegen die Friedhofsruhe und Leichenordnung.
Unsere Heroen sind namenlos. Von wem können wir noch lernen? Jack London, der amerikanische Prolet, der mit harten Fäusten und ohne Nerven durch die Welt geht, lehrt hoffentlich vielen jungen Europäern, Bindungen zu lösen, Brücken abzubrechen, wagemutig und kühn in das Unbekannt, Gefahrvolle hinauszugehen.
Und dann Wladimir Iljitsch.
Wer wird von euch der Nächste sein, der von sich sagen kann: «Ich gehen mit den grossen Wegr.»

Von Rudolf Braune, geschrieben 1925 als 18-Jähriger.