Kommunistische Jugend Schweiz

Anarchokommunismus oder Marxismus-Leninismus?

Nach Karl Marx ist die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft, die Geschichte von Klassenkämpfen. Die Grossen Sklavenreiche, die feudalistischen Königreiche, die kapitalistischen Republiken, die sozialistischen Volksrepubliken, sind allesamt Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung, die durch Klassenwidersprüche vorangetrieben werden. Diese Klassenwidersprüche, die im Klassenkampf münden, treiben die Geschichte voran auf den langen Marsch hin zur klassenlosen Gesellschaft, zum Kommunismus.

Diese Stufen gesellschaftlicher Entwicklung werden nicht durch einzelne Menschen oder von Ideen vorangetrieben, sondern von den Produktionsverhältnissen und dem Klassenkampf in der Gesellschaft und führen uns zum Ende der bisherigen Geschichte, zum Kommunismus, d.h. eine klassenlose Gesellschaft.

Der Anarchokommunismus hat diese materialistische Analyse nicht. Nach einer Revolution direkt eine klassenlose Gesellschaft auszurufen, ist idealistisch und naiv. Die neue Gesellschaft (in diesem Fall der Kommunismus) ist nämlich immer von den «Muttermalen» der alten Gesellschaft geprägt. Die Bourgeoisie ist stark und wird alles im Kampf dafür geben, die neue Gesellschaft zu zerstören und die Macht wieder an sich zu ziehen.

Eine Revolution ist ausserdem eine von Natur aus autoritäre Sache. Engels schrieb in seinem Brief «Von der Autorität»:

Eine Revolution ist gewiss das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muss, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflössen. Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, dass sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?

Wenn wir ausserdem die geschichtlich «anarchistischen« Projekte betrachten, ist auch klar: Der Staat wurde nicht abgeschafft, es gab auch weiterhin Unterdrückung, d.h. Mord und Arbeitslager, gegen Klassenfeind*innen, Faschist*innen und Reaktionär*innen.

Mit der Wirklichkeit konfrontiert mussten diese Anarchist*innen einsehen, dass der Staat nicht direkt abgeschafft werden kann und dass der Staat einen Klassencharakter hat.

Wenn wir Kommunist*innen demonstrieren, heisst du das wahrscheinlich willkommen, aber wenn Nazis demonstrieren definitiv nicht. Das ist, weil der Charakter unseres Protestes ein komplett anderer als der der Nazis ist: Wir setzen uns gegen den Kapitalismus und für die arbeitenden und unterdrückten Menschen dieser Welt ein. Die Demos der Nazis hingegen haben einen rassistischen, chauvinistischen Charakter, sie grenzen aus.

Wenn wir jetzt, um das Beispiel weiterzuführen, laut aufschreien würden, alle Proteste zu verbieten und abzuschaffen, wäre das verabsolutierend, grob und falsch, da der Charakter unserer Demo ja ein ganz anderer als der der Nazis ist.

Der Staat kann nicht verschwinden bzw. abgeschafft werden, bis die materiellen Umstände die dazu geführt haben, dass er entstanden ist, auch verschwinden bzw. abgeschafft werden. Genauso ist es bei dem Demovergleich. An dem Tag, wo wir nicht mehr gegen den Kapitalismus und für die arbeitenden und unterdrückten Menschen dieser Erde demonstrieren müssen, macht es natürlich keinen Sinn damit weiterzumachen.

Der Staat ist ein Klasseninstrument, dass die Interessen der herrschenden Klasse vertritt und die beherrschte Klasse unterdrückt.

Und genauso wie Demos, hat der Staat auch einen Charakter, den wir Klassencharakter nennen. Wenn die Bourgeoisie, die herrschende Klasse, den Staat kontrolliert, dann setzen sie damit ihre Interessen, die Interessen von einer Ausbeuterminderheit, durch. Doch wenn das Proletariat den Staat kontrolliert, vertritt sie die Interessen des Proletariats, unsere Interessen, die Interessen der arbeitenden Mehrheit. Der proletarische Staat schützt als Klasseninstrument auch die Revolution vor der Bourgeoisie und alle Kontrarevolutionär*innen, die sie zerschlagen wollen.

Die Klassenherrschaft des Proletariats ist auch das erste Mal, wo die Mehrheit die Macht hat, sie ist eine wirkliche Demokratie.

Diese proletarische Klassenherrschaft, bzw. der Sozialismus oder die Diktatur des Proletariats, ist eine weitere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, es ist die Stufe vor dem Kommunismus.

Der Begriff soll nicht täuschen, mit Diktatur ist nur Herrschaft gemeint. Die Diktatur, also Herrschaft des Proletariats ist die wahre Demokratie.

Der Staat unter dem Sozialismus wird mit der Zeit nur noch eine administrative Funktion annehmen und am Ende verschwinden, wenn er materiell keinen Nutzen mehr hat.

Für uns lässt sich die Frage der ideologischen Entscheidung zwischen dem Anarchismus bzw. Anarcho-Kommunismus und dem Marxismus-Leninismus so klären:

Als Fakt akzeptieren wir natürlich alle, dass es Nuklearwaffen auf dieser Welt gibt.

Wir akzeptieren auch, dass diese beseitigt werden müssen, d.h. das eine Denuklearisierung stattfinden muss.

Auch akzeptieren wir, dass unser Endziel eine klassenlose Gesellschaft ist.

Nun gelangen wie zur Frage, wie eine neue, anarchokommunistische Gesellschaft, die mit den Muttermalen (in diesem Fall: Atombomben) des Kapitalismus geprägt ist, mit der Denuklearisierungsfrage umgehen würde. Wie könnte eine solche Gesellschaft, ohne dass sie eine administrative Autorität besitzt, diesem Problem begegnen?

Wenn man also eine temporäre administratives Herrschaftsinstrument, einen Staat, behält, um mit der Denuklearisierungsfrage umzugehen, um diesen Staat, wenn er seinen Zweck erfüllt hat, wieder abzuschaffen, dann ist man nicht mehr Anarchist*in, man ist Marxist-Leninist*in.

Kein*e Marxist-Leninist*in schlägt vor, aus der Schweiz die UdSSR zu machen. Das Gute unserer revolutionären Theorie ist, dass wir die gegenwärtigen materiellen Umstände analysieren und den Kampf und den Sozialismus der Analyse anpassen.

Es muss aber gesagt werden, dass die UdSSR sozialistisch und fortschrittlich war und dass man nicht auf die kapitalistische Propaganda reinfallen soll und dass man die Propagandist*innen und die Bourgeoisie nicht stärken soll, indem man die UdSSR blind verurteilt.

– Lilly, KJ Basel