Kommunistische Jugend Schweiz

Afghanistan durfte keine Schule machen

Vor genau 40 Jahren siegten in Afghanistan die RevolutionärInnen und konnten einige soziale Fortschritte bewirken. Die von den USA gesponserten IslamistInnen bereiteten der Revolution jedoch bald ein Ende. Bis heute gibt es keinen Frieden in Afghanistan.

Afghanistan gehörte Anfang der 70er Jahre zu den ärmsten Ländern der Welt. Es war laut Uno-Statistik schon damals das unterentwickeltste Land Asiens. Als der Hungersnot nach der verheerenden Dürreperiode von 1971/72 geschätzte anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen, war das Ende der Herrschaft von König Mohammed Zahir besiegelt. Am 17. Juli 1973 putschten die der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) zugehörigen Militäroffiziere gegen die Monarchie und verhalfen Mohammed Daoud (von 1953 bis 1963 Ministerpräsident, ausserdem Schwager und Cousin des Königs) zur Macht.
In seiner ersten «Rede an die Nation» versprach er Reformen, die jedoch nicht verwirklicht wurden. Aussenpolitisch warf er die traditionelle Politik der Blockfreiheit Afghanistans über Bord, indem er Beziehungen zum Schah von Iran, zu Anwar Al Sadat von Ägypten, zu Saudi-Arabien und Pakistan intensivierte. Im Frühjahr 1978 ging er zur offenen Repression gegen die Parteiführung der DVPA über. Hinzu kam der politische Terror der IslamistInnen sowie des Geheimdienstes, dem namhafte PolitikerInnen und RepräsentantInnen der DVPA zum Opfer fielen. Mir Akbar Khyber, Gründungsmitglied der Partei und Mitglied des Politbüros, war am 18. April 1978 auf offener Strasse erschossen worden. Ausserdem liess Daoud die gesamte Parteiführung bis auf wenige Ausnahmen verhaften; sie sollte liquidiert werden. Als diese Meldung in den Abendsendungen des afghanischen Fernsehens verbreitet wurde, kam es am 27. April 1978 zum militärischen Aufstand gegen das Daoud-Regime unter Führung von Teilen der DVPA (April-Revolution) und infolgedessen auch zum Beginn eines revolutionären Prozesses. Die Militärs befreiten die Parteiführung und übertrugen ihr die Leitung des Staates.

Erfolgreiche Alphabetisierung
Die Revolutionsregierung begann mit der Realisierung von Reformvorhaben wie der Regelung von Ehe- und Scheidungsangelegenheiten, der Bodenreform sowie mit einer umfassenden Alphabetisierung, die so erfolgreich war, dass in einem halben Jahr ca. 1,5 Millionen Menschen Lesen und Schreiben lernten, wofür Afghanistan einen Preis von der Unesco erhielt. Im ganzen Land wurden 27 000 ständige Kurse eingerichtet, an denen insgesamt 600 000 Menschen teilnahmen.
Im Zuge der Umsetzung der Reformen wurden jedoch viele Fehler gemacht, u.a. gelang es nicht, die Bevölkerung auf die revolutionären Massnahmen vorzubereiten, was zwangsläufig der Konterrevolution in die Hände spielte. Ende 1979 war die Lage der Regierung so hoffnungslos, dass sowjetische Militärhilfe unumgänglich wurde, um zu verhindern, dass Afghanistan ein zweites Chile (Militärputsch gegen die Regierung Allende am 11. September 1973) wurde. Insgesamt 21-mal wandte sich die Führung mit dieser Bitte an die UdSSR.
Mit dem am 27. Dezember 1979 einsetzenden sowjetischen Militärengagement, wurde der Afghanistan-Konflikt internationalisiert und zunächst verdeckt, später offen von den meisten westlichen Staaten, einschliesslich der BRD und ihrer regionalen Verbündeten, geschürt.

Mit Milliarden hochgerüstet
Die imperialistischen Länder waren hoch erfreut, die Sowjetunion in eine Falle gelockt zu haben. Ab 1979 wurde gegen Afghanistan «die grösste Geheimoperation in der Geschichte der CIA durchgeführt». Unmittelbar nach der April-Revolution sind unter Regie des US-Geheimdienstes CIA und dessen pakistanischer Bruderorganisation Inter Service Intelligence (ISI) etwa 35 000 radikale IslamistInnen aus 40 islamischen Ländern zu schlagkräftigen, bewaffneten Organisationen umstrukturiert und in Afghanistan eingesetzt worden. Mehr als 100 000 IslamistInnen waren damit an diesem Krieg beteiligt. Dem «Spiegel» zufolge sind diese in den ersten zehn Jahren des Bürgerkrieges offiziell mit «mehr als zwei Milliarden US-Dollar hochgerüstet worden».
Afghanistan durfte keinesfalls Schule machen, weil sonst die Herrscher der gesamten Region, angefangen von dem engsten Verbündeten der USA in Iran bis hin zu den despotischen arabischen Potentaten, von revolutionären Stürmen hinweggefegt werden könnten. Als die Bemühungen der afghanischen Führung, den Konflikt politisch zu lösen, keinen Erfolg hatten, beschloss sie, zu kapitulieren. Präsident Najibullahs flüchtete in die UN-Vertretung in Kabul und wurde im September 1996 von den Taliban hingerichtet.

Beginn einer Islamisierung (1992)
Die neue Führung hatte beschlossen, am 27. April 1992 die Macht an die Konterrevolutionären zu übertragen. Daraufhin wurde Sibghatullah Modschaddedi, ihr Exil-Präsident, erstes Staatsoberhaupt der Islamischen Republik Afghanistan. Den IslamistInnen gelang es aufgrund divergierender politischer und ökonomischer Interessen jedoch nicht, das Land gemeinsam zu regieren. Der Krieg wurde mit einer nie da gewesenen Brutalität fortgesetzt: 3000 bis 4000 Tote, 200 000 Flüchtlinge, grosse Städte, darunter Kabul, wurden in Schutt und Asche gelegt.

Die Talibanisierung
Mit dem öffentlichen Auftauchen der Taliban im September 1994 und der Eroberung Kabuls am 27. September 1996 wurde Afghanistan in den Fokus der internationalen Medien katapultiert. Nach Angaben von General Aslam Beg, dem ehemaligen Generalstabschef Pakistans, wurden die Taliban schon 1985/1986 im Nordosten Afghanistans als Kampftruppe aufgestellt, wo sie an religiösen Schulen, den «Madrasah», sowohl religiös-fundamentalistisch wie militärisch ausgebildet worden sind. Rekrutiert wurden sie u.a. aus den Reihen der Waisenkinder Afghanistans in den Flüchtlingslagern in Pakistan.
Für die Entscheidung, die Taliban als selbstständige militärische Formation in den afghanischen Bürgerkrieg einzusetzen, waren folgende Aspekte ausschlaggebend: 1. Im Frühjahr 1994 wurden die Führer der in Afghanistan rivalisierenden Modjahedin vom Auswärtigen Ausschuss des US-Kongresses zu einem Gespräch nach Washington zitiert. Man hat ihnen einen Plan für ein Pipeline-Projekt von den weltweit drittgrössten Reserven an Öl und Gas in Mittelasien durch Afghanistan zum Indischen Ozean vorgelegt. Sie wurden aufgefordert, sich so bald wie möglich zu verständigen, um dessen Verwirklichung nicht zu verzögern. Die Modjahedin sicherten zu, den Afghanistan-Konflikt bald friedlich lösen zu wollen, ein Versprechen, das nie eingelöst wurde. Deren historisches Versagen war die Geburtsstunde der Taliban als eigenständige organisierte Kampfeinheit auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan.
Scheinbar aus dem Nichts entstandene, gut organisierte militärische Einheiten, nun als Taliban bekannt, überfielen von Pakistan aus im September 1994 die Stadt Kandahar. Ihre «historische Mission» bestand darin, ganz Afghanistan zu besetzen, um die Bedingungen für die Realisierung der ökonomischen, politischen und ideologischen Projekte der USA, Pakistans und Saudi-Arabiens zu schaffen.
2. Gulbuddin Hekmatyar, der von den USA und ihren Verbündeten im Afghanistan-Konflikt favorisierte Modjahed, fiel in Ungnade wegen seiner antiwestlichen Äusserungen und seiner Unterstützung des irakischen Diktators Saddam Husseins während des 2. Golfkrieges sowie seiner kategorischen Weigerung, die noch in seinem Besitz befindlichen Stinger-Raketen, welche er in grossen Mengen von den USA erhalten hatte, an diese zurückzugeben.
3. Der mittelasiatische Markt wurde als nicht zu vernachlässigendes Exportfeld für pakistanische Produkte angesehen, der einzige Transitweg dahin aber führt über afghanisches Territorium. Es war längst kein Geheimnis mehr, dass an den Kampfeinsätzen der Taliban reguläre pakistanische Truppeneinheiten beteiligt waren.
4. Sowohl die USA als auch Saudi-Arabien wollten den ideologischen Einfluss ihres Rivalen Iran in Afghanistan eindämmen. Da sich die Modjahedin-Gruppen auch hier als unfähig erwiesen hatten, mussten die Taliban an ihre Stelle treten.

US-Krieg am Hindukusch
Noch während des US-Krieges gegen Afghanistan wurde auf dem Petersberg bei Bonn am 5. Dezember 2001 unter der Federführung der UN eine Regierung für Afghanistan gebildet. Vertreten waren Modjahedinführer, die sich aus dem langjährigen Bürgerkrieg kannten. Der Usbekengeneral Abdul Raschid Dostum, der einzige säkulare Milizenführer Afghanistans, war zu dieser Konferenz erst gar nicht eingeladen worden. Unter den internationalen BeobachterInnen waren allein die Vereinigten Staaten mit 20 Personen vertreten. Diese überdimensionale Präsenz lässt auf eine nachdrückliche Beeinflussung von Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen schliessen. So haben sich die USA mit der Ernennung Hamid Karzais zum Ministerpräsidenten durchgesetzt. Die internationale Gemeinschaft unter US-Führung brachte de facto IslamistInnen, Warlords und KriegsverbrecherInnen an die Macht.

Versuche einer Integration der Taliban
Mit dem Krieg gegen Afghanistan hat die Bush-Administration die Vernichtung von Al-Qaida unter Osama Bin Laden und der Taliban als unmittelbares Ziel erklärt. Als sie feststellen musste, dass die Taliban nicht so einfach wie Al-Qaida zu zerschlagen, geschweige denn aus Afghanistan zu verbannen waren, haben die westlichen StrategInnen eine Differenzierung vorgenommen. Al-Qaida hätte eine internationale Agenda, die Taliban jedoch eine nationale, hiess es jetzt. D.h., der Kampf der Taliban sei national und damit nur gegen die westlichen Militärs im Land ausgerichtet. Daher solle versucht werden, sie in die kolonial-ähnlichen politischen Strukturen am Hindukusch zu integrieren. Man setzte darauf, den Druck auf die Taliban zu verstärken, indem diese gespalten sowie einzelne Feldkommandanten physisch eliminiert werden sollten. RegierungsberaterInnen bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin befürworteten einen «‹Enthauptungsschlag› gegen die Führungen der afghanischen Aufstandsgruppen mit dem Ziel, die militante Opposition (…) signifikant zu schwächen». Das liest sich wie Anstiftung zum Mord.
Dann entdeckte man die «gemässigten Taliban», die als Verhandlungspartner in Frage kämen. Im April 2007 hatte der damalige SPD-Chef Kurt Beck eine Friedenskonferenz für Afghanistan angeregt, an der alle am Hindukusch relevanten Gruppen, darunter auch die Taliban, beteiligt werden müssten. Daraus wurde jedoch zunächst nichts. Trotzdem wurden Geheimgespräche zwischen den Konfliktparteien mehrfach auch in Deutschland fortgeführt. Der Hintergrund für die Verhandlungsbereitschaft der USA ist darin zu sehen, dass der Krieg für sie zu teuer geworden war. Nach offiziellen Angaben kostete er in den Hochphasen jede Woche 1,5 Milliarden US-Dollar. Deswegen sollten bis Ende 2014 die über 135 000 US- und Nato-Kampftruppen abgezogen werden. Am Ende der Verhandlungen sollten die Taliban an der Regierung beteiligt werden, dafür hätten sie jedoch die afghanische Verfassung von 2004 akzeptieren müssen. Die Taliban beriefen sich aber auf die Scharia.

Kein Frieden ohne Abzug
Anfang 2016 wurde ein neuer Versuch unternommen, um den festgefahrenen Friedensprozess wiederzubeleben. Am 11. Januar 2016 trafen sich VertreterInnen der afghanischen, pakistanischen, chinesischen und US-amerikanischen Regierungen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, um einen Friedensfahrplan für das Land am Hindukusch auszuarbeiten. Der aussenpolitische Berater der pakistanischen Regierung, Sartaj Aziz, wies bei seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass man den Taliban Anreize anbieten solle, damit sie keine Gewalt mehr anwendeten. «Wir sollten keine überzogenen Erwartungen haben», schränkte er jedoch ein. Ende Februar 2018 riefen die TeilnehmerInnen einer grossen Friedenskonferenz in Kabul und Präsident Ashraf Ghani die Taliban zu Friedensgesprächen auf. Die Taliban machten, wie immer, den Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan als Bedingung für Verhandlungen. Die afghanische Geschichte hat es mehrfach gezeigt, dass fremde BesatzerInnen am Hindukusch keine Perspektive haben. Ohne Abzug der US- und Nato-Truppen wird es in Afghanistan keinen Frieden geben.