Kommunistische Jugend Schweiz

Zwischen Autarkie und Sanktionen

Wachsende soziale Ungleichheit, Krieg, Flucht und Zerstörung der Umwelt. Ursache dieser Krisen können klar beim Kapitalismus gefunden werden. Jedoch ist antikommunistische Hetze die Norm. Zur Aufklärung werden in dieser Artikelreihe Staaten mit sozialistischer Geschichte vorgestellt. Teil 1: Koreanische Demokratische Volksrepublik.

Kaum ein Land wird in den westlichen Medien so oft denunziert wie die Koreanische Demokratische Volksrepublik (KDVR): Dynastische Herrschaft, wahnsinngetriebene Tyrannei und Hungerregime werden diesem Land vorgeworfen. Was ist jedoch die Wahrheit? Was ist der historische Kontext dieses mysteriösen Staates?
Als Japan im Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten besiegt wurde, wurden alle seine Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. Dies galt auch für die koreanische Halbinsel. Die mehrheitlich kommunistischen PartisanInnen übernahmen bei Kriegsende 1945 die Kontrolle der gesamten Halbinsel und proklamierten die Gründung der Volksrepublik Korea. Sogenannte Volkskomitees wurden hauptsächlich durch BäuerInnen – aber auch mit ArbeiterInnen und Intellektuellen – gegründet, die das neue Korea verwalteten. Diese gaben der Koreanischen Bevölkerung zum ersten Mal eine demokratische Beteiligung am politischen und wirtschaftlichen Leben des Landes. Umverteilung von Landbesitz, Verstaatlichung von Schüsselindustrien und Einführung von Sozialprogrammen lagen an der Tagesordnung.

Gründung und Koreakrieg
Am 9. September 1949 wurde die Koreanische Demokratische Volksrepublik im Norden Koreas unter der Führung der Koreanischen Arbeiterpartei mit Kim Il-sung an der Spitze gegründet. Landumverteilung, Verstaatlichungen der Grossbetriebe, Bildungskampagnen, Gleichberechtigung der Frauen und Industrialisierung des Landes wurden vorangetrieben. Schon bald jedoch wurde die Präsenz US-amerikanischer Truppen im Süden, der neu gegründeten Republik Korea, als Sicherheitsrisiko betrachtet. Es kam zu Provokationen, bis der Norden beschloss, den Süden 1950 anzugreifen. Dies wurde zum ersten Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg: Sowjetunion und Volksrepublik China unterstützten den Norden, die USA, Australien und andere den Süden. 1953 wurde ein Waffenstillstandsvertrag zwischen den beiden Staaten unterzeichnet, welcher bis heute anhält.
In der Zeit des Wiederaufbaus wurde der Sozialismus in der KDVR zum weltweiten Vorbild: Es verfügte über ein dreimal so hohes Bruttoinlandprodukt pro Kopf wie ihr südlicher Nachbar, war politisch deutlich freier (1960 putschte sich Park Chung-hee im Süden nach politischer Instabilität an die Macht und war für zahlreiche Massaker verantwortlich) und wurde nach der Kubanischen Revolution von niemand anderem als Che Guevara als Vorbild bezeichnet.

Juche-Idee und Songun-Politik
In den 1960ern entstand das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis: Mao Zedong denunzierte Chruschtschows Annäherungspolitik an die USA als konterrevolutionärer Verrat und deutete dessen wirtschaftspolitische Reformen ebenso. Dies stellte die NordkoreanerInnen in eine ungünstige Lage. Sie lehnten die sowjetische Politik ebenso ab, aber waren der Ausrichtung Chinas aufgrund des Scheiterns des «Grossen Sprungs nach vorne» ebenfalls unfreundlich gesinnt. Folglich beschritt die KDVR ihren eigenen Pfad dazwischen: Die Juche-Idee.
Als Erweiterung des bisher praktizierten Marxismus-Leninismus, wurde das Konzept der Selbstständigkeit priorisiert. «Juche» bedeutet wörtlich «Selbstständigkeit». Die KDVR konnte nicht mehr auf die Volksrepublik China oder auf die UdSSR zählen und richtete ihre Wirtschaft auf Autarkie aus.
Die KDVR lebte mit abflachendem, aber solidem Wirtschaftswachstum weiter, bis 1991 die Sowjetunion auseinanderbrach. Trotz offizieller Autarkie war die KDVR von Nahrungsmittelimporten aus der UdSSR abhängig, da das Land, ähnlich wie die Schweiz, stark von Bergen durchzogen ist. Zusammen mit äusserst strengen Sanktionen und Embargos der USA führte dies in den frühen 1990ern zu einer Hungersnot. Diese Zeit ist in der KDVR als der «Zermürbende Marsch» bekannt. Als die Loyalität der Bevölkerung gegenüber der Regierung durch die US-Sanktionen nicht geschwächt, eher sogar gestärkt wurde, wechselten die USA ihren Kurs: Stattdessen wurde auf Nahrungsmittelhilfe gesetzt.
1994 starb zudem Kim Il-sung. Sein Sohn Kim Jong-il wurde als Nachfolger bestimmt. Unter dessen Führung wurde die KDVR vollkommen militarisiert, da die Partei- und Staatsführung eine Invasion der USA befürchteten. Die KDVR war politisch so schwach wie noch nie, daher war diese Überlegung verständlich, auch wenn sie sehr hart umgesetzt worden war. Ein Atomwaffenprogramm wurde gestartet, um eine Invasion verhindern zu können.

2000 bis heute
Nach dem «Zermürbenden Marsch» erholte sich die KDVR langsam wieder. Da auf keine sozialistischen Bruderstaaten gezählt werden konnte, musste sich die KDVR anpassen. Marktorientierte Wirtschaftsreformen und aussenpolitische Diversifizierung wurden angestrebt. Nach dem Tode Kim Jong-ils 2011 wurde wiederum dessen Sohn Kim Jong-un Machthaber im Lande. Unter dessen Herrschaft wurde der Aussenhandel ausgeweitet – eine grosse Herausforderung, da bis heute die nordkoreanische Währung im internationalen Handel illegal ist – und eine allgemeine Abwendung von der Songun-Politik zu einem traditionelleren Marxismus-Leninismus. Wirtschaftsreformen, die vergleichbar sind mit denen der Volksrepublik China, werden in kleinerem Stil auch durchgeführt.
Zuletzt konnten die diplomatischen Beziehungen zum südlichen Nachbarn 2018 aufgenommen werden, was die Chance auf einen endgültigen Friedensschluss deutlich erhöht.

Eric, KJ Zürich