Kommunistische Jugend Schweiz

Schmutziger Krieg gegen Allende

Vor 45 Jahren: Die USA führten einen schmutzigen Krieg gegen die Regierung Salvador Allendes. Es ist nachgewiesen, dass Nixon und Kissinger die grossen Geheimdienstoperationen eingeleitet und koordiniert haben, die schliesslich zum Sturz der Unidad Popular geführt haben.

Am 4. September 1970 hat eine Wahl die Welt bewegt. In Chile gewann der Kandidat der Unidad Popular die Präsidentschaft. Der 4. September 1970 ist auch der Tag, an dem eine der ganz grossen Geheimdienstoperationen der CIA begann. Mitte der 70er Jahre wurden bereits Berichte über die Operationen der US-Regierung gegen Salvador Allende bekannt. Vor zwanzig Jahren gelangten die ersten Geheimdokumente über diese Operation an die Öffentlichkeit. Sie zeigten, wie US-Präsident Richard Nixon und sein Aussenminister Henry Kissinger in den Wochen nach der Wahl Allendes ein Destabilisierungsprojekt auf den Weg geschoben haben, das 1973 im erfolgreichen Putsch des Foltergenerals Augusto Pinochet mündete.

Politische Intrige
Der Wahlsieg Allendes traf die US-Regierung ziemlich unvermittelt. Dies legen acht Telegramme nahe, die der US-amerikanische Botschafter Edward Korry zwischen dem 5. und dem 22. September nach Washington schickte. Sie zeigen einen konsternierten Statthalter der US-Regierung. Korry lässt sich in seinen Schreiben in ungewohnter Offenheit über die politische Elite Chiles aus. Er berichtet insbesondere über seine Gespräche mit dem abtretenden Präsidenten Eduardo Frei, den er als Tölpel und Dummkopf darstellt. Ziel der Gespräche des US-Botschafters war es, Frei für eine politische Intrige zu gewinnen, die die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Salvador Allende in letzter Minute verhindern sollte.
Anlass zu dieser Intrige gab der Ausgang der Wahl. Der Kandidat der Unidad Popular hatte zwar die meisten Stimmen erhalten. Allendes Vorsprung auf die Kandidaten der rechten Nationalpartei (Allessandri) und der ChristdemokratInnen (Tomic) war jedoch minim. Den Entscheidungen des chilenischen Kongresses, der am 24. Oktober 1970 den neuen Präsidenten bestimmen sollte, kamen deshalb entscheidende Bedeutung zu. Korrys Anstrengungen zielten darauf, die ChristdemokratInnen zur Stimmabgabe für den unterlegenen Kandidaten der Rechten zu gewinnen. Allessandri sollte im Gegenzug die Annahme der Wahl verweigern und den Weg für Neuwahlen freimachen.

«Bringt die Wirtschaft zu Boden»
Diese Intrige wurde in Washington unter dem Titel «Track 1» geführt. In der Hauptstadt der USA war es am 15. September 1970 zu einem Telefongespräch zwischen dem CIA-Direktor Richard Helms und dem damaligen Präsidenten Nixon gekommen. Von diesem Gespräch, das als eigentlicher Startschuss des schmutzigen Krieges der US-Regierung gegen Salvador Allende gelten muss, liegen Handnotizen des CIA-Direktors vor. « Auch wenn die Chancen eins zu zehn stehen: Rettet Chile. Keinen Einbezug der Botschaft. Zehn Millionen Dollar sind verfügbar. Mehr wenn nötig. Vollzeitjob. Den besten Mann, den wir haben. Bringt die Wirtschaft zu Boden.»
Was Helms und Nixon genau vereinbarten, ist dank dem Protokoll eines CIA-Meetings bekannt, das am Tag nach dem obigen telefonischen Kontakt zwischen dem Präsidenten und seinem Geheimdienstchef stattfand. «Präsident Nixon hat entschieden, dass ein Allende-Regime in Chile von den Vereinigten Staaten nicht hingenommen werden kann. Der Präsident fordert die CIA auf, die Machtübernahme Allendes zu verhindern oder ihn abzusetzen.»
Dieser Befehl war für die CIA der Startschuss ihrer Operationen, die von Beginn strikt geheim ausgeführt werden mussten. Insbesondere der redselige US-Botschafter Korry durfte in die Aktionen nicht eingeweiht werden. Ende November 1970 telegrafierte die CIA einen ausführlichen Rechenschaftsbericht über die Arbeit nach Washington, die sie vom 15. September bis zum 3. November 1970 verrichtet hatte.

Propaganda-Initiative
Die Aktionen begannen mit der Einschleusung von AgentInnen nach Chile. Ein neues, sicheres Kommunikationsnetz musste aufgebaut werden. Der US-amerikanische Militärattaché in Chile wurde dem Kommando der CIA unterstellt und stellte Kontakte zu chilenischen Militärs her. Erhebliche Mittel wurden in eine Propaganda-Initiative investiert. Als JournalistInnen getarnte CIA-AgentInnen karrten KorrespondentInnen aus der ganzen Welt nach Chile, eigene Zeitungen wurden aufgebaut und auf Chiles grösste Tageszeitung, den «Mercurio», wurde Druck ausgeübt. Als besonders gelungen bezeichneten die CIA-AgentInnen eine von ihnen organisierte Reportage des «Time»-Magazins.
Aus dem Hintergrund unterstützten die AgentInnen die Anstrengungen des US-Botschafters, den abtretenden Regierungschef Eduardo Frei für den Plan der US-Regierung zu gewinnen, Allende mit verfassungsmässigen Mitteln den Zugang zum Präsidentenamt zu verstellen. Man organisierte den Vatikan und die deutsche Christdemokratie, um Druck auf den abtretenden Präsidenten auszuüben. Man versprach Eduardo Frei im Falle von Neuwahlen weitreichende Hilfe. Doch Frei erfüllte die in ihn gesteckten Hoffnungen nicht, wie der CIA-Rapport eindrücklich festhielt. «Es gelang ihm (Frei) nicht, Einfluss auf den Parteitag der Christdemokraten zu nehmen, der am 3. und 4. Oktober 1970 stattgefunden hat. Die Christdemokraten entschieden, im Kongress für Allende zu stimmen. Damit war der Versuch einer Wiederwahl Freis gescheitert und die verfassungsmässigen Möglichkeiten, Allendes Regierungsübernahme zu verhindern, waren erschöpft.»

Putsch-Möglichkeiten
Womit «Track 2» ins Zentrum des Interesses rückte. Noch bevor Allende die Amtsgeschäfte übernommen hatte, wollte die US-Regierung ihn bereits wegputschen lassen. Zu diesem Zweck stellte die CIA Kontakt mit verschiedenen Gruppen in der chilenischen Armee her, die für militärische Aktionen bereit waren. Die Lage in Chile erwies sich jedoch als ausserordentlich kompliziert. Als klar war, dass eine Mehrheit des chilenischen Kongresses für Allende stimmen würde, traten in Washington der Aussenminister Kissinger, General Alexander Haig und der für die Operationen in Chile verantwortliche CIA-Mann zusammen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.
CIA-Agent Karamessines berichtete über die Kontakte zu den Militärs und «die generelle Situation in Chile aus der Sicht der Putsch-Möglichkeiten». Debattiert werden musste insbesondere das Projekt eines Generals im Ruhestand, der bereits einmal in eine Militärrevolte involviert war. Die Chancen, dass der Ex-General Roberto Viaux mit seinem Staatsstreich Erfolg haben könnte, wurde in Washington jedoch als minimal eingeschätzt. Kissinger persönlich diktierte den Text, den Viaux davon abhalten sollte, hoffnungslose Aktionen zu starten. «Bewahren Sie Ihre Trümpfe. (…) Die Zeit wird kommen, in der Sie und all Ihre Freunde etwas tun können.»

Unsichtbare Witschaftsblockade
Nach der Amtseinführung Allendes zum Präsidenten mussten die USA ihre Planungen erneut überprüfen. Am 3. November, dem Tag des Amtsantritts Salvador Allendes, wurde den Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsrats der USA ein 20-seitiges Papier vorgelegt, das die Optionen für die US-Politik gegenüber Chile darlegte. Nixon entschied sich für eine Politik, die Chile nicht offen in die Arme Kubas und der UdSSR treiben sollte.
Am 9. November 1970 legte US-Aussenminister Henry Kissinger in einem an das Verteidigungsministerium und die CIA gerichteten Memorandum dar, wie diese neue Strategie praktisch umgesetzt werden müsse. «Der Präsident hat entschieden, dass erstens der öffentliche Auftritt der USA gegen Chile korrekt und kühl sein soll. Dass aber zweitens die Vereinigten Staaten den Druck auf die Allende-Regierung maximieren, um die Konsolidierung der neuen Regierung zu verhindern.» Das heisse, so Kissinger weiter, dass die anderen lateinamerikanischen Länder über die Anti-Allende-Haltung der US-Regierung zu unterrichten, die Zusammenarbeit mit den Regierungen von Schlüsselländern wie Brasilien und Argentinien zu intensivieren und «enge Beziehungen mit befreundeten Militärführern in der Hemisphäre» zu pflegen seien.
Jede Möglichkeit, staatliche Hilfe an Chile auslaufen zu lassen, müsse wahrgenommen und private InvestorInnen über mögliche negative Entwicklungen für ihre Investitionen in Chile informiert werden. Ausserdem wurde eine Studie in Auftrag gegen. Sie sollte darlegen, wie über die Einflussnahme auf die Weltmarktpreise von Chiles Hauptdevisenbringer, dem Kupfer, die Handlungsmöglichkeiten Allendes eingeschränkt werden könnten.
Vier Wochen später, am 4. Dezember 1970, legte das Verteidigungsministerium dem US-Aussenminister Kissinger ein Konzeptpapier vor. Die DiplomatInnen zeigten einen ganzen Strauss von Möglichkeiten auf, die Regierung Allende zu destabilisieren. Er reicht von Sanktionen über den Ausschluss Chiles aus der Organisation Amerikanischer Staaten bis hin zu Vorschlägen, wie eine «unsichtbare Witschaftsblockade» gegen das Land aufgebaut werden könne. Als diese Ideen zu Papier gebracht wurden, war Salvador Allende gerade einen Monat im Amt.