Kommunistische Jugend Schweiz

Die Mär vom Fortschritt

Der Kapitalismus hat seine Fähigkeit zur grundlegenden Erneuerung verloren. Er bremst den Fortschritt insgesamt aus und zerstört die Lebensgrundlagen der Menschheit.

Zur Zeit wird viel über eine vermeintliche vierte industrielle Revolution (Industrie 4.0) gesprochen. Die vorgebrachten Argumente sind dabei nicht so neu, wie man meint. Die Vorstellung eines intelligenten Computers reicht zurück bis zu Alan Turing (1912 bis 1954) und dessen Idee einer lernfähigen Maschine. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Frage, ob wir vor der Einführung der automatisierten Produktion und damit einer neuen industriellen Revolution stehen, periodisch immer wieder diskutiert: in den 1950er und 1960er Jahren angesichts der Entwicklung von Mikroprozessoren, in den 1970ern vor dem Hintergrund der Einführung digital programmierbarer Maschinen (Produktionsroboter), in den 1980er Jahren war es der Durchbruch der Heim-PCs, der die Debatte befeuerte, schliesslich das Aufkommen des Internets in den frühen 2000er Jahren, und heute sind es hochleistungsfähige, tragbare Endgeräte. Allein die Tatsache, dass in den letzten siebzig Jahren der ersehnte Durchbruch ausblieb, sollte Grund genug sein, angesichts der neuen «smarten» Geräte nicht in Euphorie zu verfallen. Es kommt darauf an, Sein von Schein zu unterscheiden und den Kapitalismus auf seine reale Innovationsfähigkeit hin zu untersuchen.
Welche der vier industriellen Revolutionen war nun wirklich eine? Die erste trennte die Arbeitsleistung von der physischen Kapazität, Arbeit zu verrichten. Wo vorher Mensch oder Tier Werkzeuge mit ihrer Körperkraft bedienten, war jetzt die Maschine am Werk. Kein noch so ausgereifter mechanischer Webstuhl konnte dieselbe Masse an Waren produzieren wie ein mit Dampfkraft betriebener. Der Siegeszug der Dampfmaschine machte den Einsatz einer äusseren Kraftquelle orts- und witterungsunabhängig. Gleichzeitig und dadurch befördert setzten sich die Prinzipien der kapitalistischen Produktion durch: Arbeitsstücklohn, kleinschrittige Arbeitsteilung und Serienproduktion, die auf Grund der gestiegenen Produktivität für sinkende Stückkosten sorgte und grosse Gewinne abwarf.
Moderne Arbeitsteilung und Massenproduktion werden unter den Begriffen Fordismus und Taylorismus der sogenannten zweiten industriellen Revolution zugeordnet. Die umfassende Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte für die Unabhängigkeit der Produktion von unmittelbaren Energiequellen, führte jedoch keine neuen Produktionsmethoden ein oder gab den Produktivkräften eine neue Gestalt. Letztere waren vielmehr die bis dahin zur Vollendung ausgeformten Prinzipien des kapitalistischen Grossbetriebs, was für eine weitere Steigerung der Produktivität sorgte.

Neue Werkzeuge
Die dritte industrielle Revolution, auch als Roboterisierung oder Automatisierung bekannt, war nichts anderes als eine weitere graduelle Veränderung der Produktionsweise, mit der erfolglos die abflachende Produktivitätsentwicklung und die Profitabilitätskrise bekämpft werden sollte. Vereinfacht könnte gesagt werden, dass mit Robotern in der Produktion nur neue Werkzeuge eingeführt wurden.
Die Digitalisierung verspricht, die lang ersehnte automatisierte Produktion, also die Trennung der Produktion vom Menschen, umzusetzen. Der Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, wie klein auch deren Anteil an einem konkreten Produktionsprozess werden mag. Doch von der Notwendigkeit, für Profit menschliche Arbeitskraft auszubeuten, abgesehen, ist es auch aus einem anderen Grund höchst unwahrscheinlich, dass wir so etwas wie künstliche Intelligenz oder entmenschte Produktion erleben werden: Der Kapitalismus besitzt nicht die Innovationsfähigkeit für diesen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte und der dazu notwendigen Forschung.
Folgt daraus, dass alles Revolutionäre an der digitalen Welt Lug und Trug ist? Was die utopischen oder dystopischen Vorstellungen einer von Skynet beherrschten nahen Zukunft betrifft: auf jeden Fall. Was uns allerdings revolutionär erscheint, ist eine qualitative Veränderung der Kommunikationsmittel. Das allseitig verfügbare Internet und die hohe Durchdringung der Weltbevölkerung mit mobilen Endgeräten haben den Austausch von Text-, Bild- und Toninformationen auf ein bislang unbekanntes Niveau gehoben. Das hat nicht zuletzt einen Einfluss auf die Arbeitswelt, was Beschäftigte täglich zu spüren bekommen.
Dabei sollten wir allerdings nicht dem Irrtum unterliegen, dass die Basistechnologien für diese Entwicklung erst in den letzten Jahren erforscht wurden. Der Funk ist hundert Jahre alt, mobile Telefonie wurde ab 1946 in US-amerikanischen Autos verbaut und sind in Deutschland in den späten 1950ern unter dem Namen A-Funk bekannt. Berührungsempfindliche Bildschirme gibt es seit den 1970ern, bei Telefonen seit Anfang der 1990er Jahre. Die Weiterentwicklung dieser Technologien zu Tablets und Smartphones versperrt oft durch spektakuläre Aufmachung den Blick darauf, dass das bei Weitem nicht so revolutionär war wie die Einführung des Siemens-Martin-Ofens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Unterschied in der Wahrnehmung besteht vor allem darin, dass wir das Ergebnis in der Hand halten und selten jemand einen neuen Schmelztiegel im Garten stehen hat.

Staatliche Intervention
Jeder Übergang von einer Gesellschaftsformation zu einer anderen hat eine grundlegende Änderung in der Produktionsweise zur Voraussetzung gehabt. Die gestiegene Arbeitsproduktivität und die Aneignung des Mehrprodukts stiessen an die Grenzen der gesellschaftlichen Organisation und brachten letztere zu Fall. Die freigesetzten Kräfte der Entwicklung in technischer oder wissenschaftlicher Hinsicht sorgten dafür, dass alles umgekrempelt wurde. Die frühe Konkurrenz der neuen Herrschenden im jungen Kapitalismus beflügelte das Streben nach immer weitergehender Erneuerung, um mehr Profit zu erlangen und weitere Gebiete in den Verwertungsprozess einzuschliessen. Als alles erobert war, als immer weniger Konzerne die Produktion und Märkte beherrschten, ging der Drang zur Erneuerung verloren. Monopolgewinne werden nicht durch Investitionen erzielt, sondern durch Marktmacht. Dort, wo es nötig war, nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Fortschritte zu machen (Militär und Raumfahrt, Überwachung und Repression sowie Rationalisierung), sprang der Staat ein. Er schoss Kapital vor, um die enormen Kosten für Forschung und Entwicklung zu decken, die das faulende Kapital nicht mehr übernehmen wollte. Nicht einmal das Internet würde ohne staatliche Intervention in der heutigen Form existieren. Allein der Nachkriegsaufschwung, der auf der massenhaften Vernichtung von Menschenleben und der Zerstörung von Gütern in Folge des Zweiten Weltkriegs beruhte, hat es möglich gemacht, dass sich neues Material des Massenkonsums wie Plastik und Gummi durchsetzte. Entwickelt wurden sie bereits vorher, aber die Sackgasse, in der sich der Kapitalismus befand, hatte deren Einführung bis auf Ausnahmen verhindert. Erst als damit wieder Gewinn zu machen war, war es dann soweit.
Die Produktivitätskrise, die wir trotz der «digitalen Revolution» sehen, ist im Grunde eine Krise der technischen Entwicklung der Produktivkräfte, die unter kapitalistischer Organisation keinen qualitativen Fortschritt mehr macht. Um das zu lösen, um den Sprung auf eine neue Stufe zu schaffen, wäre die Freisetzung enormer Kräfte notwendig. Genauso wie deren bedarfsgerechte materielle Ausstattung in einer freien Forschungsumgebung, ohne den Einfluss privater Profitinteressen. Dazu ist der Kapitalismus nicht fähig. Viel eher lässt er Menschen an Grenzen, in Meeren und an Krankheiten sterben, während er wirklichen Fortschritt aufhält. Im Sinne des technischen und damit menschlichen Fortschritts, ist es notwendig, Einzelinteressen aus diesen Bereichen zu entfernen und planmässig und demokratisch bestimmt eine Wirtschaft zu organisieren, die den menschlichen und ökologischen Bedürfnissen Rechnung trägt. In der begrenzten technischen Entwicklung, die wir heute sehen, liegt allerdings der Keim als Möglichkeit einer neuen Gesellschaft.

Quelle: vorwärts-Zeitung