Kommunistische Jugend Schweiz

Weil ihr uns die Freiheit klaut!

Gegen das trendige Erstarken des Antifeminismus auf die Strasse: Aktivist*innen setzten in Bern Ende Oktober ein Zeichen gegen das Patriarchat mit einer Demonstration, die Lust auf mehr machte. Fazit: Queerfeministische Kämpfe sollen gelebt und organisiert werden!

Trotz Regen sammeln sich die Demoteilnehmer*innen in den Lauben der Altstadt in Bern. Als eine grössere Gruppe beisammen ist, gerät die nun zusammengekommene Demo langsam in Bewegung. Vorne ein farbiges Transparent und auch auf den Seiten und am Schluss sind auf den Stoffbahnen Parolen und Forderungen zu lesen. Musik dröhnt aus Boxen, die Aktivist*innen mit einem Handwagen mitführen. Sprechchöre künden die Demo schon von Weitem den PassantInnen an, die an diesem Samstagabend, 27. Oktober unterwegs sind: «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Freiheit klaut!» Frauen und Männer bleiben am Strassenrand stehen. Einige sind neugierig, Solidarische applaudieren und nur Wenige provozieren und stören. Ein Mann stösst wild und aufgeregt argumentierend zur Demo. Er wird nach einer kurzen Anhörung aber wortlos aus der Gruppe abgedrängt, um dann alleine zurückzubleiben.

Künstliche Kategorien
Queerfeminismus hat sich wieder die Strasse genommen und damit ein starkes Zeichen gesetzt. Gründe dafür gibt es genug: mit dem politischen Rechtsrutsch haben auch antifeministische Positionen an Bedeutung gewonnen und sind nun in vielerlei Bereichen und Ausprägungen im Alltag zu finden. Das kann in Form direkter patriarchalischer Gewalt wie häusliche Gewalt, Rassismus gegen nichtweisse Frauen* oder Diskriminierung von queeren Personen sein – dies alles wird selten in der Öffentlichkeit thematisiert. In unserer Gesellschaft wird ein «Naturzustand» kreiert, in dem es nur stereotypische «Männer» und «Frauen» gibt. Männer finden sich in der Rolle des Ernährers und Beschützers wieder – Frauen sind das «schwache» Geschlecht und zeigen Gefühle. Wer nicht in diese künstlich geschaffenen Kategorien passt, wird ausgegrenzt.
Natürlich sind nicht nur reaktionäre, sondern auch eine Vielzahl emanzipatorischer Bestrebungen im Gange. Wenn rechte oder bürgerliche Parteien sich aber für «Frauenanliegen» einsetzen, dann so, dass sie oftmals gegen Migrant*innen hetzen, indem sie ausländische Kulturen ausschliesslich als patriarchal und frauenfeindlich darstellen und Misstände kaum in der eigenen (christlichen) Kultur suchen. Bürgerliche feministische Bewegungen haben sich zwar um Veränderungen bemüht, doch ihre Taten beschränken sich auf Ausbildung, Lohn oder Karriereleiter. Kindererziehung oder Haushaltsarbeiten bleiben weiterhin bei der Frau* hängen und migrantische Frauen* oder auch queerfeministische Bewegungen sind nicht Teil der Arbeit. Nicht so der Queerfeminismus: Hier sollen Kämpfe gelebt und organisiert werden. Dabei entstehen autonome Räume, in denen diskutiert und gearbeitet wird und alltägliche Probleme kollektiv angegangen werden können. Aktivist*innen des Queerfeminismus solidarisieren sich mit Genoss*innen weltweit, beispielsweise mit den Pro-Choice-Bewegung in Argentinien, Chile und Irland, den autonomen Bewegungen der Zapatistas-Frauen* und Rojava, mit den Frauen*kämpfen in Indien, mit den LGBTI*-Kämpfen in der Türkei, den USA und Russland. Wichtig ist auch: Queerfeminismus ist immer auch antifaschistisch. Antifaschismus muss immer auch queerfeministisch sein.

Lautstark in die Öffentlichkeit

Der Zug der Aktivist*innen ist auf den breiten Strassen beim Bahnhof angekommen. Bei Demonstrationen geht es nicht nur darum, Themen einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mit Hilfe von Flyers und Megaphon-Beiträgen PassantInnen zu informieren oder per Kommuniqué in den Medien präsent zu sein. Es steht auch das Gruppenerlebnis im Zentrum, die Schaffung eines Wir-Gefühls und das Mächtigsein im Raum – Seite an Seite mit Mitkämpfer*innen. Autos und Busse müssen heute Abend warten, während die Demo unter Pyro-Feuer und lauter Musik das Bollwerk hinunter geht. Dies macht eindeutig Lust auf mehr – wir freuen uns auf die nächste Aktion.

Quelle: vorwärts-Zeitung