Kommunistische Jugend Schweiz

Gemeinsam für Revolution sorgen

Zur Vorbereitung für den Frauen*streik trafen sich über 500 Frauen* in Biel zu einer nationalen Versammlung. Überarbeitet wurde ein Appell mit Forderungen rund um Lohngleichheit, Anerkennung von Sorgearbeit oder dem Bleiberecht für Migrant*innen, die Gewalt erlebt haben. Der Jubel nach abgeschlossener Arbeit war gross.

Regnerisch grau war der 10. März 2019. Nicht so im Volkshaus in Biel, wo ab 10 Uhr die nationale Versammlung zur Vorbereitung zum Frauen*streik 2019 stattfand. Bereits beim Eingang hatten Aktivist*innen bunte Plakate angebracht und nach der Türe führte eine behangene Wäscheleine links und rechts ins Innere des Hauses. Der Weg ging vorbei an einigen Infotischen mit Broschüren zu Jineoloji oder geplanten Aktionen aus der Romandie, einem Essensstand und einem Tisch mit einer Stanzmaschine für Buttons über eine Treppe hoch zum Saal.
Kaum jemand war im Treppenhaus anzutreffen, denn alle Aktivist*innen, angereist aus der ganzen Schweiz, sassen bereits in einer der vielen Stuhlreihen und hörten zu, wie Frauen* der verschiedenen Streikkomitees aus den Kantonen auf der Bühne über ihre vergangene Arbeit und den damit verbundenen Erfahrungen erzählten. Das gemischte Publikum bestand aus Frauen* aus Gewerkschaften, aus Parteien, Nichtregierungsorganisationen oder ausserparlamentarischen Gruppen und Einzelpersonen. Einige waren verkleidet und andere trugen die Streikshirts oder schwangen Tücher: Gemeinsam hatten alle den Willen, um jetzt für eine Revolution zu sorgen. Dabei sollen sich nicht die Frauen ändern, sondern die Gesellschaft, so war der Konsens. Violett trug deshalb nicht nur die Hexe, die mit ihrem Zauberhut und dem Venussymbol mit geballter Faust aus der Arbeiter*innenbewegung als Signet dieser Veranstaltung auf dem Einladungspapier zu sehen war, sondern auch Aktivist*innen im Volkshaus. Die Farbe der Frauen*kämpfe war dominierender Hintergrund und Vordergrund zugleich in einer Vielzahl von Shirts, Transparenten oder sonstiger Kulisse. Verschiedene Geschichten erzählen von der Bedeutung dieses Farbtons. Eine meint, blau und rosa vermischt ergibt violett. Bei feministischen Kämpfen schliessen sich Männer* und Frauen* zusammen, um gemeinsam gegen Diskriminierung zu kämpfen und Gleichheit zu schaffen. Andere erzählen von Arbeiterinnen aus den USA, die bei einem Streik in einer Textilfabrik gestorben sind, als plötzlich Feuer ausbrach. Violett war der Rauch, der über dem brennenden Dach in den Himmel gestiegen ist.

Gemeinsame Korrektur des Appells
Neben wenigen Pussy-Hats war jetzt ein älteres Zeichen der Bewegung wieder aufgetaucht. Das feministische Symbol der Vulva, geformt mit beiden Händen, wurde im nächsten Veranstaltungsblock neben Händewackeln oder Stampfen mit den Füssen bei Begeisterung gezeigt. Erneut verwendet wurde das fast vergessene Frauenzeichen beispielsweise bei Frauen*demonstrationen in Bilbao, wo Aktivist*innen mit erhobenen Händen ein Dreieck formten. Grund für den Applaus jetzt war der Streikappell, der zuvor per Mail an alle Kollektive geschickt und dann mit Rückmeldungen retourniert wurde. Nun kommentierten Aktivist*innen das zweiseitige Papier mit den 17 Forderungspunkten, so dass noch viele Änderungen gemacht wurden. Es stand eine Frau von ihrem Sitzplatz mitten im vollbesetzten Raum auf, um auf den Begriff «alleinstehende Frauen» bei Punkt 1 aufmerksam zu machen. Ihre Augen waren auf die Bühne vor ihr gerichtet, wo das Organisationskomitee des heutigen Tages hinter Tischplatten voller Schreibmaterial Platz genommen hatte. «Keine Frau ist alleinstehend, auch wenn sie keinen Partner oder Partnerin hat.» Mit ihrer Kritik wurde die Stelle im Papier umgehend geändert. Gestrichen wurde «alleinstehende Frau» und neu geschrieben «Frauen mit oder ohne Partnerschaft».
Eine Gruppe von Migrant*innen meldete sich später zu Wort: Sie verlangten, dass die Doppeldiskriminierung der Migrantin* im Appell erwähnt wird. Plötzlich diskutierten einige Aktivist*innen darüber, ob «Frauen mit einer Behinderung» in «Frauen mit einer Beeinträchtigung» korrigiert werden sollte. Kämpferische Frauen* forderten die Änderung des Begriffs «wirtschaftliches System» in «kapitalistisches System». Jemand plädierte dafür, dass man einen 12-monatigen Mutterschaftsurlaub fordern müsse. Auch dieser Punkt fand Gehör und wurde notiert. Der Prozess rund um die Überarbeitung des Appells zog sich lange hin, ohne allerdings langweilig zu werden. Am Schluss wurde das Papier, wie bereits zu Beginn, auf drei Sprachen vorgelesen.

Feminismus kennt keine Grenzen und Hindernisse
Zusammengefasst waren folgende Streikforderungen auf dem Papier enthalten: Anerkennung, Aufwertung und gerechte Aufteilung der unbezahlten Hausarbeit; Lohngleichheit, bessere Löhne und Aufwertung der sogenannten Frauenberufe; Sozialversicherungen, die ohne Erhöhung des Rentenalters ein Leben in Würde garantieren; Reduktion der Arbeitszeit; Anspruch auf Urlaub für die Betreuung von Kindern und Angehörigen sowie Achtung und Regelung des Status von Migrantinnen. Der Appell verlangt auch das Ende von Sexismus, Stereotypen und Gewalt und fordert die Unentgeltlichkeit von Abtreibung und Verhütungsmitteln, die Abschaffung der «rosa Steuer» (z.B. hoher Mehrwertsteuersatz auf Tampons) und die Umsetzung einer nationalen Strategie zur Prävention und Bekämpfung von sexueller Gewalt. Auch sollen sämtliche sexistische und LBTIQ-phoben Diskriminierungen in allen gesellschaftlichen Bereichen gestoppt werden.
Die Versammlung verabschiedete den Streikaufruf. Doch damit war die nationale Streikversammlung in Biel noch nicht beendet. Drei Aktivistinnen, teilweise per Skype mit dem Publikum verbunden, regten mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen zu einer Diskussion rund um Streikstrategien an. Ganz unter dem Motto «Austausch Aktivistinnen aus 91 und 19 (1991 und 2019)» erzählte eine ältere Frau aus der Schweiz über die Situation rund um den ersten Frauenstreik und Aktivistinnen aus Deutschland und Spanien vom 8. März 2019.

Wir wollen und müssen viele sein
Über die Stuhlreihen hinweg wurde ein Papier gereicht, auf dem grob ein Abriss vom geplanten 14. Juni skizziert war. Der feministische Streik wird 24 Stunden dauern. Ideen für diesen Zeitraum sind aufgelistet und die Kollektive dazu eingeladen, ihre neu entstanden Aktionen beizufügen. Früh am Morgen wird der Streik mit viel Lärm eingeläutet und es können Selbstverteidigungskurse besucht werden. Zwei Fixpunkte an diesem Tag fallen auf: Um 11 Uhr beginnt die verlängerte Mittagspause, wo Frauen* in Streikküchen auf offener Strasse essen und diskutieren können. Ab 15:30 Uhr werden möglichst viele Frauen* die Arbeit niederlegen und nicht mehr arbeiten. Sie beteiligen sich an verschiedenen Demonstrationszügen, um später an den geplanten Festivitäten teilzunehmen. 15:24 Uhr steht für den Zeitpunkt, ab welchem die Frauen* wegen der Lohnungleichheit gratis arbeiten. Alles im allem ist das Ziel des Streiktages: «Alles, nur nicht das tun, was wir sonst tun».