Kommunistische Jugend Schweiz

Barbie und Ken gemeinsam gegen Sexismus

Wie passen Marxismus und die Frauenfrage zusammen? Die Autoren von «Wenn Ken und Barbie streiken» plädieren für eine im Kampf geeinte Arbeiter*innenklasse. Spaltungen in beispielsweise jung und alt, Inländer*innen oder Aus-länder*innen oder Frauen und Männer ist einer der Hauptgründe, warum das System des Kapitalismus so erfolgreich ist.

Der antisexistische Kampf ist untrennbar mit dem sozialistischen Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals verbunden, so schreiben die Autor*innen des bemerkenswerten Bandes «Wenn Ken und Barbie streiken – Marxismus und Geschlechterverhältnis» aus der Reihe «Aufstand der Vernunft» vom Verein Gesellschaft & Politik (Eigenverlag). Die Beiträge fallen durch ihre fundierte Aufarbeitung der Beziehung zwischen Marxismus und Feminismus auf, wobei aus der Perspektive von Marxist*innen/marxistische Linke («der Funke Österreich/Deutschland») argumentiert wird. Hier werden keine Gender-Sternchen verwendet. Geschlechterwiderspruch und Klassenkampf lassen sich weder in zwei parallele Kämpfe trennen, noch in einen Haupt- und Nebenwiderspruch. Ihre Prämisse ist: Gesellschaftsformationen entsprechen den vorherrschenden Produktionsweisen. Sexismus, Rassismus, Homophobie und andere gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten existieren aufgrund des Kapitalismus. Sie gehören zum untrennbaren Ganzen, so dass der Kapitalismus nicht nur ein ökonomisches Produktionssystem ist.
Sexismus im Kapitalismus schafft Rollenbilder, in die Männer* wie auch Frauen* entgegen ihren wahren Eigenschaften, Wünschen und Bedürfnissen hineingezwängt werden. So gesehen ist der Sexismus aber nicht primär eine Ideologie der Minderwertigkeit der Frau* und blosse Frauen*unterdrückung. Beim Sexismus werden Männer* und Frauen* in soziale Geschlechter eingeordnet, die beide daran hindern, sich ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend zu entfalten. Obwohl Männer* im Sexismus meist der besser gestellte, unterdrückende Teil sind, zählen sie aber auch zu den Verlierern des Geschlechterverhältnisses.

Doppelte Ausbeutung der Frau
Der Begriff «Patriarchat» bedeutet hier die komplexe, soziale Organisation an der Schwelle zwischen der Urgesellschaft und der Entwicklung des Privateigentums. Seit seinem Bestehen richtet sich das Patriarchat nicht gegen Frauen* alleine, sondern auch gegen Männer*. Allerdings sind Männer* in ihrer Situation im Patriarchat oft viel besser gestellt als Frauen*. Durch diese Besserstellung erscheint es, als sei der Mann* ein Verbündeter des Kapitals. In Wahrheit hat er tatsächlich viele Vorteile und darf in Familie und in anderen Bereichen den «Ausbeuter» spielen. Unterdrückt ist er aber genauso vom Kapital, allerdings nicht in der Weise wie die Frau*, die eine doppelte Ausbeutung erlebt. Sie gehört zur industriellen Reservearmee, die bei Engpässen kostengünstig eingesetzt werden kann. In der Lohnarbeit arbeiten Frauen* oft in Bereichen, die schlechter bezahlt werden und es gibt viele Fälle, in denen Frauen* in gleichen Branchen unbegründet weniger verdienen als Männer*. Gratis verrichtete Reproduktionsarbeit wird auch mehrheitlich von ihnen verrichtet.
Aktivist*innen der marxistischen Linke sagen, dass der Kapitalismus nur dauerhaft bestehen kann, wenn sich die Produktivkräfte weiterentwickeln und wenn sie durch ein politisches Herrschaftssystem abgesichert sind. Hier ist dies der bürgerliche Staat, der als Klassengesellschaft mit einer Vielzahl von Institutionen eine Ideologieproduktion vorantreibt, welche die Stellung der herrschenden Klassen zu legitimieren versucht. Soziale Unterdrückungsformen wie Rassismus oder Sexismus sind zentrale Instrumente, um die Gesellschaft zu spalten. Die Frauen*unterdrückung ist im Kapitalismus also ein Stützpfeiler der ideologischen Herrschaftssicherung. In der historischen Ausformung des kapitalistischen Systems wird auf patriarchale Unterdrückungsformen zurückgegriffen, welche Bürgerliche bereits von früheren Gesellschaftsformen übernommen haben. Ein erfolgreicher Kampf gegen die geschlechterspezifische Arbeitsteilung wäre ein schwerer Schlag gegen die kapitalistische Herrschaft. Die Ausbeutung der Frauen* ist ein wichtiges Element zur Sicherung der Mehrwertproduktion.

Geeinter Kampf gegen Kapitalismus
Die Aktivist*innen von «der Funke» schlagen in ihrem Buch «Wenn Ken und Barbie streiken» vor, dass eine geeinte Arbeiter*innenklasse zusammen gegen den Kapitalismus kämpfen soll. Eine Überwindung jeglicher Spaltungen ist eine Grundvoraussetzung, damit die Arbeiter*innenklasse den Kapitalismus überwinden kann. Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, als hätten Frauen* in ihrer Situation als doppelt Ausgebeutete im Rahmen einer Grossgruppe eigene Interessen. In einigen Bereichen mag diese Perspektive zutreffen, doch tatsächlich spalten sich «Frauen*» entlang der Klassenlinien. So stehen sich beispielsweise die Interessen einer Fabrikarbeiter*in und einer Kapitalist*in antagonistisch gegenüber. Kapitalisti*nnen profitieren von billigen Frauenlöhnen. Wollen sie ihre Stellung als Kapitalist*innen behalten, müssen sie entsprechend der Gesetzmässigkeiten der Profitwirtschaft vorgehen.
Schaut man genauer hin, finden sich in einer Klassengesellschaft mehr widersprüchliche Interessenslagen, welche gemeinsame Interessen in den Hintergrund treten lassen. Aktuelles Beispiel dafür ist, wenn eine Frau* und Mutter* Chancen rund um Karriere weiterhin ins Auge fasst und ihre Hausarbeit von einer Care-Arbeiter*in aus dem Ausland machen lässt. Hier ist es aufgrund der Situation nicht möglich, günstige und faire Arbeitsbedingungen zu bieten. Es gibt Schranken bezüglich Frauen*solidarität, so die Autor*innen. Es ist aber aufgrund dieses Umstandes nicht so, dass der Kampf für Frauen*rechte bei Marxist*innen in den Hintergrund rückt. Im Gegenteil: so lautet eine der zentralen Losungen des Marxismus «Keine Frauen*befreiung ohne Sozialismus – kein Sozialismus ohne Frauen*befreiung». Revolutionäre Kämpfe für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung hat eine Vielzahl von Ebenen. Hier ist es so, dass der Kampf gegen rückständige Ideologien – oder «den Schrott der alten Gesellschaft», wie es Marx ausgedrückt hat – nur gelingen kann, wenn eine direkte Solidarität stattfindet. Alle Menschen sollen sich bei Kämpfen für die Rechte beteiligen, auch wenn sie nicht direkt davon profitieren können. Gerade das Vernachlässigen der feministischen Perspektive in den Kämpfen der Arbeiter*innenklasse ist eines ihrer programmatischen Defizite.

Weitergehende Perspektive suchen
Angesichts dieser im Buch beschrieben Versäumnisse haben Aktivist*innen der Frauen*bewegung schon früher aktiv gehandelt und Alternativen gesucht. Gerade am Anfang von Kämpfen ist es nötig, dass sich Betroffene versammeln, als Gruppe Identität schaffen und Forderungen formulieren. So ist es gut, dass Frauen* sich in Vereinen, Gruppen oder Organisationen zusammentun, um Stärke zu entwickeln und Kämpfe gegen Sexismus und Frauen*unterdrückung vorzubereiten und zu führen. Wichtig ist aber auch eine Öffnung dieses politischen Kampfes in eine weitergehende Perspektive. Bereits beim Thema Diskriminierung haben heute Aktivist*innen begonnen, ihre Kämpfe zu vereinen. Intersektionalität meint auch die Überschneidung und Verschränkung verschiedener Ungleichheitskategorien – häufige sind es race, class und gender, also Ethnie, Klasse und Geschlecht. Dabei addieren sich die Diskriminierungsformen nicht einfach, sondern sind miteinander verwoben, überschneiden sich, wirken zusammen und führen so zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen.
Einige Marxist*innen sind kritisch gegenüber der Intersektionalitätstheorie eingestellt. Sie sehen eine wichtige Ursache für Diskriminierung im Instrument der Spaltung, mit dem Herrschende* ihre Stellung damit sichern, Arbeiter*innen gegeneinander auszuspielen, sie auszubeuten und damit das System abzusichern. So macht es hier Sinn, als jene «Kategorie» oder Gruppe zu kämpfen, zu denen Menschen hauptsächlich gehören – und das Joch der Unterdrückung des Kapitalismus abzuwerfen. Momentan tut sich dazu viel. In der Schweiz ist Frauen*streikjahr: viele unterschiedliche Gruppen mit verschiedenen Aktionsformen sind in den nächsten Monaten aktiv. Wie ordnen die Mitglieder* von der Funke die Kämpfe rund um die verzögerte Umsetzung des Verfassungsartikels um Lohngleichheit und Diskriminierung ein? Yola Kipcak von «der Funke» meint zu: «Wir stehen für einen ernsthaften Kampf, keine Symbolpolitik. Aus unserer Sicht muss ein Streik für Frauen*rechte auf breite Beine gestellt werden, durch kollektive Diskussionen und demokratische Abstimmungen, die in landesweiten gemeinsamen Forderungen und Streikaktionen münden.» Sie ergänzt: «Frauen* und Männer* sollten sich an dem Streik beteiligen, um so die Bosse und die Regierung ordentlich ins Schwitzen zu bringen. Zusammenfassen könnte man es mit dem Slogan: Den Frauen*streik zum Generalstreik machen!» Kipcak kritisiert, dass aus ihrer Sicht die Führung in den Komitees, die den Frauen*streik organisieren, eine hemmende Rolle spielt. Insbesondere die Führung der Gewerkschaften wird ihrer Aufgabe nicht gerecht. Fazit: «Jetzt wäre es die Zeit, in den Betrieben selbst massenhaft zu mobilisieren, einen konkreten Kampfplan auszuarbeiten und demokratisch abzustimmen. Diese Ideen tragen wir auch in die Bewegung hinein.»

Vorwärts-Link
https://www.vorwaerts.ch/feminismus/barbie-und-ken-gemeinsam-gegen-sexismus/