Kommunistische Jugend Schweiz

Intransparente Strukturen und akute Menschenrechtsprobleme

Silvie Lang. Die kleine Schweiz ist einer der grössten, wenn nicht gar der grösste Handelsplatz für Agrarrohstoffe weltweit. Die zunehmende Marktmacht der Schweizer Agrarhändler*innen und ihre Expansion in die Produktion von Agrarrohstoffen bedeuten oft Hungerlöhne, Landraub oder Korruption.
Dass die Schweiz die wohl wichtigste Drehscheibe für den Handel mit Rohstoffen wie Öl, Kohle oder Erzen ist, ist mittlerweile bekannt. Wussten Sie jedoch, dass dies auch für viele landwirtschaftliche Rohstoffe gilt?

Bedeutendste Drehscheibe
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat sich die Schweiz in den letzten Jahrzehnten zum führenden Handelsplatz für Agrarrohstoffe entwickelt. Von den rund 500 zwischen Genfer- und Zugersee domizilierten Rohstoffhändlern haben sich etwa 150 entweder auf Agrarrohstoffe spezialisiert oder führen diese im Portfolio. Glencore und Trafigura sind inzwischen – auch dank Public Eye – keine Unbekannten mehr, doch wer hat schon von ADM, Bunge, Cargill oder gar Cofco gehört? Diese Handelsriesen machen die Schweiz zur global wohl bedeutendsten Drehscheibe für den Handel mit Agrarrohstoffen. Heute wird gemäss unserer Pionieranalyse dieses Sektors die Hälfte des weltweiten Getreides, 40 Prozent des Zuckers und jede dritte Kakao- sowie Kaffeebohne über am Genfersee oder in der Zentralschweiz domizilierte Firmen gehandelt. Und das sind noch konservative Schätzungen. Diese Firmen erzielen dabei fast ebenso grosse Umsätze wie die bekannten Rohstoffhändler.

Vom Acker bis zum Teller
In den letzten Jahren haben sich diese Firmen zu marktmächtigen Akteuren entwickelt, die weite Teile landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten dominieren. Sie sind somit kaum «reine Händler», die lediglich Waren von A nach B verschieben, sondern sogenannte «Global Value Chain Managers». Entlang dieser Wertschöpfungsketten bestimmen diese Handelskonzerne zunehmend, was unter welchen Bedingungen angebaut und wie viel dafür bezahlt wird.
Den Menschen, die diese Produkte anbauen, fehlen hingegen jegliche Mittel zur Durchsetzung fairer Vertrags- und Arbeitsbedingungen. Diese Machtasymmetrie hat gravierende Folgen, die von Zwangs- und Kinderarbeit über Gesundheitsgefahren durch Pestizide und die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Abholzung oder Landenteignungen bis hin zu Steuervergehen und Korruption reichen.
Mehrere Dutzende solcher Fälle betreffen Schweizer Agrarhändler. Dies zeigt unser neuster Bericht «Agricultural Commodity Traders in Switzerland: Benefitting from Misery?». Die Analyse durchleuchtet die Strukturen und Aktivitäten von 16 Rohstoffhändlern, die entweder ihren Hauptsitz oder zentrale Handelsabteilungen in der Schweiz haben und in vielen Fällen durch Zukäufe oder Fusionen zu integrierten Agrarkonglomeraten geworden sind. Die Lieferketten vieler dieser Firmen reichen mittlerweile «vom Acker bis auf den Teller», und viele besitzen gar eigene Anbauflächen.

Der Steuerdeal
Was macht die Schweiz nur so attraktiv für diese Agrarhandelsriesen? Neben historischen Gründen lässt sich dies insbesondere mit dem wirtschaftsfreundlichen Umfeld – fehlende Regulierung im Bereich Transparenz und Einhaltung des Menschenrechtsschutzes im Ausland sowie einer attraktive Tiefsteuerpolitik – erklären. Ein Steuerdeal steht denn auch im Zentrum des von Public Eye mittels Öffentlichkeitsrecht erwirkten «Memorandum of Understanding» (MoU) zwischen dem Kanton Genf und der Cofco-Gruppe, Chinas grösstem und staatlich kontrolliertem Lebensmittelkonzern mit Hauptsitz in Peking. Dort unterzeichnete der umstrittene Genfer Staatsrat Pierre Maudet am 13.Mai 2017 ein MoU, welches Cofco die «aktive Unterstützung im Dialog mit unseren Steuerbehörden» zusichert. Im Gegenzug eröffnete Cofco seinen globalen Handelshauptsitz in Genf. Die Ansiedlung des mit fast 40 Milliarden Franken Umsatz bereits fünftgrössten Agrarhändlers unterstreicht nicht nur die handelspolitische und geostrategische Bedeutung des Schweizer Rohstoffplatzes.
Der Aufstieg via Genf von Akteuren wie Cofco, deren undurchsichtige Geschäfte und diversen Menschenrechtsverletzungen besonders hellhörig machen müssten, zeigt, dass mehr Transparenz und eine Sorgfaltsprüfungspflicht, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative verlangt, auch im Agrarhandelssektor dringend nötig sind. Die Schweiz als Sitzstaat vieler der weltweit wichtigsten Agrarhändler ist hier besonders gefordert.

Silvie Lang ist Fachverantwortliche
Agrarrohstoffe bei Public Eye

Vorwärts-Link: https://www.vorwaerts.ch/inland/intransparente-strukturen-und-akute-menschenrechtsprobleme/

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