Kommunistische Jugend Schweiz

Gleichberechtigung.Punkt.Amen

Sarah Paciarelli. Der Schweizerische Katholische Frauenbund SKF hat vom 14.bis 16.Juni zum Frauen*KirchenStreik aufgerufen. Die Resonanz, die die Streikenden erlebten, zeigt deutlich, dass die Zeit für einen Wandel überfällig und auch Ungehorsam nötig ist. Doch, wie weiter nach dem erfolgreichen Streik?

Spontane Bewegungen wie der Frauen*Kirchen-Streik laufen Gefahr, zu ermüden. Es braucht einen organisatorischen Kern, einen Herzschrittmacher, der dafür sorgt, dass der übergesprungene Funke zu einem Flächenbrand wird. Der 130’000 Frauen starke Schweizerische Katholische Frauenbund SKF hat sich das auf seine Fahnen geschrieben. Getragen wird «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» von einem pinken Punkt, der das Erkennungszeichen seiner Unterstützenden ist. In kirchenpolitischer Hinsicht geht es bei «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» nicht, wie von konservativen Stimmen behauptet, um eine Spaltung der Kirche. Die Kirche soll zu einem glaubwürdigen Ort der Gleichheit und Gerechtigkeit werden, zu einer Institution, die allen gläubigen Menschen eine Heimat ist – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Lebensform. Die andauernde Diskriminierung von Frauen*, Homosexuellen und Geschiedenen durch die römisch-katholische Amtskirche steht dem im Wege.

Glaube versus Institution
Die Kritik an dieser Kirche ist nicht neu, doch erlebte sie in der Schweizer Öffentlichkeit 2018 einen Höhepunkt, als zum wiederholten Male sexuelle Übergriffe durch Geistliche publik wurden und der Papst Abtreibung mit Auftragsmord gleichsetzte. Mit grossem Verständnis reagierte der SKF auf den öffentlichkeitswirksamen Kirchenaustritt von sechs profilierten Katholikinnen, die mit dieser Form des Protests bekanntgaben, den patriarchalen Machtapparat nicht länger zu stützen. Etwas kam in Bewegung. Es folgte eine Stellungnahme samt Reformforderungen der beiden Theologinnen Monika Hungerbühler und Jacqueline Keune, die von über 300 Theolog*innen und Seelsorgenden namentlich mitgetragen wurde. Der Frust über eine Kirche, die Missbrauch ermöglicht, vertuscht und nur intransparent aufarbeitet, spiegelt sich in seit Jahren steigenden Austrittszahlen wider. KatholikInnen haben es satt, sich für eine Institution zu rechtfertigen, die mit sexueller Gewalt, Patriarchat, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit und Rückständigkeit assoziiert wird. Sie sind es leid, dass das Unrecht einer Institution mit ihrem Glauben gleichgesetzt wird.

Die Stimme der Frauen*
Der Vatikan ist der einzige Staat auf der Welt, der Frauen* das Wahlrecht verweigert. Nur geweihte Amtsträger, der Klerus, verfügen über politisches Mitbestimmungsrecht. Frauen* werden aufgrund ihres Geschlechts von Weiheämtern ausgeschlossen und somit auch von politischer Teilhabe. Werden in der römisch-katholischen Kirche bedeutende globale Entscheidungen beschlossen, so geschieht das in Form von Bischofssynoden. Das Schwerpunktthema einer Synode wird vom Papst persönlich gewählt. Stimmberechtigte Synodenteilnehmer (die männliche Form ist hier explizit gewählt!) sind Bischöfe und Kardinäle, als Experten zum jeweiligen Schwerpunkt geltende Priester und männliche Ordensbrüder. Frauen? Fehlanzeige! Das vermeintlich gemeinschaftliche Organ kommt regelmässig zusammen und dient der Entscheidungsfindung – unter kategorischem Ausschluss von mindestens 50 Prozent der Bevölkerung, die es repräsentieren soll. Eine mit dem SKF vernetzte Organisation, die diesen Missstand beheben will, ist Voices of Faith. Sie besteht aus Ordensschwestern aus der ganzen Welt, die nicht länger hinnehmen, dass ihre männlichen Ordensbrüder stimmberechtigt sind, sie selbst hingegen nicht. Dazu hat sie Initiativen gestartet, zuletzt die globale Kampagne #OvercomingSilence.

Die Insignien der Macht umdeuten
Violett ist der Überbegriff für Abstufungen von Farbtönen, die sowohl Rot- als auch Blauanteile aufweisen. Dazu gehören Purpur, Lila und Pink. Besonders Lila avancierte in den 70er Jahren zur Farbe der Frauenbewegung. Mit Lila verwandt bleibt der pinke Punkt feministischer Tradition treu und verweist auf die Symbolik des katholischen Machtapparates. Er erinnert in seiner Form und Farbe an den Pileolus, die runde Kopfbedeckung, die von Äbten, Bischöfen, Kardinälen und dem Papst getragen wird. Die Farbe Purpur ist den Kardinälen, den höchstrangigen Würdenträgern nach dem Papst, vorbehalten. Der pinke Punkt gehört zur selben Farbgruppe und ist doch frei von klerikalen Konnotationen. Er steht für Neuanfang und ist das Symbol der Forderung nach einer glaubwürdigen römisch-katholischen Kirche. Die Unterstützenden des Frauen*KirchenStreiks bewiesen ein gutes Gespür für Symbolik: Die pinken Gummistiefel stehen für den Wunsch, aus dem Sumpf des Klerikalismus zu waten. Die pinken Mitren, traditionelle Kopfbedeckungen von Bischöfen, stehen für die Forderung nach politischer Mitbestimmung und der Umdeutung katholischer Machtinsignien.

Graswurzelrevolution mit pinker Power
Damit der nationale Frauen*Streik auch in Kirchen und Pfarrgemeinden spürbar ist, weiteten die Katholik*innen den Streik auf den 15. und 16. Juni aus, also dann, wenn vor dem Altar Hochbetrieb herrscht. Die in Pfarreien angestellten Gemeindeleiter*innen, Pastoralassistent*innen, Katechet*innen, Pfarrei-sek-reta?r*innen und freiwillig Engagierten des SKF legten ihre Aufgaben nieder. Die Streikenden – darunter auch viele Männer* – organisierten mit viel Kreativität verschiedenste Aktionen und Informationsanlässe, gestalteten Gottesdienste im Zeichen der Frau* und verlasen den Widerstandstext zum Frauen*KirchenStreik der Theologin Jacqueline Keune. Mitglieder katholischen Frauen*vereine nutzten den Streik, um auf die Bedeutung der kirchlichen Freiwilligenarbeit hinzuweisen, denn es sind Frauen*, die sich überdurchschnittlich häufig in der Kirche engagieren. Auf verschiedenste Weise wirken sie am Dienst an bedürftigen Menschen, der Begleitung von Kindern und Jugendlichen, der Glaubensbildung für Erwachsene und der Gemeinschaftsbildung mit. Sie gestalten liturgische Feiern in Kirchen und treten als Lektorinnen* auf, bringen Pflegebedürftigen die Hauskommunion. Sie gestalten Freizeitaktivitäten für die Jüngsten und besuchen Pfarreiangehörige, für die der Weg in die Kirche zu beschwerlich ist. Im Wissen darüber, dass ein lebendiges Pfarreileben ohne die Freiwilligen nicht möglich wäre, forderten sie mehr Anerkennung und Wertschätzung für ihre Sorgearbeit.

Es braucht mutige Taten
«Wenn sie dir keinen Platz am Tisch geben, bring einen Klappstuhl mit!» Das Zitat der US-Amerikanerin Shirley Chisholm, die 1968 als erste schwarze Abgeordnete in das US-Repräsentantenhaus gewählt wurde, gilt auch fünf Jahrzehnte später noch als Leitspruch für Frauen*, die ihr Stück vom Mitbestimmungskuchen fordern. Gemeinsam an einem Tisch sitzen werden schon bald die Präsidien des Katholischen Frauenbundes und der Bischofskonferenz. Das geplante Treffen dient der Klärung weiterer Schritte. Auch im jährlichen Gespräch mit Bischof Denis Theurillat, Präsident des Frauenrats der Schweizer Bischofskonferenz, wird «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» Thema sein. Der katholische Frauendachverband ruft seine Mitglieder und alle, die der katholischen Kirche ein Gesicht geben dazu auf, sich nach ihren Möglichkeiten für eine grundlegende Erneuerung einzusetzen. Der SKF spricht sich für Änderungen der kantonalen Kirchenverfassungen der Landeskirchen aus. Ziel ist es, wie bereits in Basel-Stadt und Basel-Land, ein Gleichstellungsprinzip in Kraft zu setzen, das die gleichberechtigte Zulassung – unabhängig von Zivilstand und Geschlecht – zu sämtlichen Weiheämtern ermöglicht. Die Aufnahme eines solchen Passus in die Kirchenverfassung reicht jedoch nicht aus. Es müssen auch mutige Taten von Vertretern der Amtskirche, zum Beispiel den Bischöfen, folgen. Die Schweizer Bischofskonferenz hat im Frauen*KirchenStreik den Ausdruck einer Krise erkannt und angekündigt, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen. Der SKF begrüsst dieses Vorgehen und hat seine Mitarbeit in der Arbeitsgruppe angeboten. Eine Antwort der Bischöfe steht noch aus.

Ungehorsam bleiben
Mit Elan agiert der SKF seit dem Frauen*Kirchen-Streik als Koordinations- und Vernetzungsplattform für die reformatorischen Kräfte innerhalb der katholischen Kirche. Die Verbandsspitze weiss um die Vielfalt der Forderungen und Gruppierungen. Umso wichtiger ist nationale und internationale Vernetzung und dass alle, die sich für «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» im weitesten Sinne engagieren, dem SKF Aktionen, Massnahmen und Kampagnen melden.
Auf Initiative der Voices of Faith findet im November 2019 ein Austausch mit 25 ausgewählten Vertreterinnen der katholischen Reformbewegung aus dem Deutschsprachigen Raum statt: SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli erhielt eine Einladung. SKF-Vizepräsidentin Vroni Peterhans wird in ihrer Funktion als Präsidentin von Andante, der europäischen Allianz katholischer Frauenverbände, ebenfalls am Anlass teilnehmen.
Im Januar 2020 findet ein ausserordentliches Treffen der deutschsprachigen Frauenverbände zum Thema «Gleichberechtigung in der katholischen Kirche» statt an dem auch der SKF teilnimmt.
Die Arbeitsgruppe Frauen*KirchenStreik, die «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» initiierte, bestand aus einzelnen Frauen, der Interessengemeinschaft feministischer Theologinnen, der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA und den beiden christlichen Frauendachverbänden, Evangelische Frauen Schweiz EFS und Schweizerischer Katholischer Frauenbund SKF. Sie wird im Januar 2019 erneut zusammenkommen, um allfällige weitere Aktionen zu planen.
Der SKF ruft Frauen* zu Selbstermächtigung und zivilem Ungehorsam auf. Damit es vorwärts geht gilt es jetzt, sich nicht mit kurzfristigen Lösungen innerhalb alter Strukturen zufrieden zu geben. «Amen!» werden Katholikinnen erst ausrufen, wenn Gleichberechtigung für Frauen in der katholischen Kirche endlich mehr ist, als bloss ein frommer Wunsch.

Sarah Paciarelli
Kommunikationsbeauftragte Schweizerischer Katholischer Frauenbund SKF

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