Kommunistische Jugend Schweiz

Modernes Proletariat

In den verschiedenen Diskussionen, die in der KJ geführt wurden, tauchte immer wieder die Frage auf was heute der Begriff  „Arbeiterklasse“ bedeutet. Wir veröffentlichen deshalb diesen Artikel von der Zeitung „Junge Welt“. http://www.jungewelt.de/ , http://kominform.at/

Hintergrund. Die Arbeiterklasse hat sich verändert – und ist doch keineswegs verschwunden


Auch in linken Kreisen provoziert die Erwähnung der Arbeiterklasse nicht selten die überraschte Frage: »Ja gibt es die denn überhaupt noch?« Diese Reaktion ist zum einen Konsequenz einer gründlichen »Dekonstruktionsarbeit« bürgerlicher Ideologieapparate, die um die Verhinderung eines realistischen Verständnisses der gesellschaftlichen Verhältnisse bemüht sind: Die Ausbeutungsmechanismen und die ausgebeutete Klasse sollen verborgen bleiben. Zum anderen war aber auch die Arbeiterklasse selbst nicht ganz unbeteiligt daran, daß sich realitätsferne Auffassungen von ihrer angeblichen Inexistenz durchsetzen konnten: Zu selten hatte sie in den letzten Jahren durch eine nachdrückliche Interessenartikulation auf sich aufmerksam gemacht. Selbst den neoliberalen Angriff auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen hat sie fast widerspruchslos über sich ergehen lassen.

Jedoch sind auch viele marxistische Artikulationsversuche über die Arbeiterklasse kaum geeignet, dieses verzerrte Bild zu korrigieren. Präsentiert werden »allgemeine« Ausführungen über die Klassenlandschaft und die Struktur­aspekte der Lohnarbeiterexistenz, die durchaus sinnvoll, ja notwendig sind, jedoch blutleer bleiben und wenig überzeugend wirken, wenn sie nicht zu den Alltagsverhältnissen der Arbeitskraftverkäuferinnen und -verkäufer in Beziehung gesetzt werden.

Alles immateriell?

Diesen »Entsorgungen« ganz unterschiedlicher Art zum Trotz existiert unter industriekapitalistischen Bedingungen eine Arbeiterklasse, solange die Aneignung des Mehrprodukts durch das Kapital erfolgt und die diesem Vorgang zugrunde liegenden Ausbeutungsverhältnisse existieren – und zwar unabhängig davon, ob alle Beteiligten sich dessen bewußt sind: Das Klassengefüge ist eine objektive Tatsache.

Um das Kunststück der Verleugnung wesentlicher Aspekte der Klassenverhältnisse vollbringen zu können, müssen zentrale gesellschaftliche Tatbestände uminterpretiert werden. Vorrangig geschieht das durch das Aufbauschen von Trends, die durchaus existieren, jedoch anderes bedeuten, als das, was unterstellt wird. So wird aus der zunehmenden »Intellektualisierung« der Arbeit sachwidrig geschlossen, daß damit der materielle Charakter des wirtschaftlichen Geschehens an den Rang gedrängt wäre. Die Metropolengesellschaften besäßen, so wird behauptet, einen »postindustriellen« Charakter und seien durch die Dominanz von »Dienstleistungsökonomien« charakterisiert. Aus diesen Grundannahmen wird dann geschlossen, daß die produzierende Klasse weitgehend bedeutungslos geworden sei. Aber selbst ein flüchtiger Blick auf die sozialen Verhältnisse sollte eigentlich zur Vorsicht gemahnen: Denn die im produktiven Sektor unmittelbar Tätigen machen immer noch fast ein Drittel aller Beschäftigten aus und stellen, trotz vielfältiger Binnendifferenzierung, immer noch den homogensten sozialen Block dar.

Jedoch ist unbestreitbar, daß die Arbeiterklasse und ihre beruflichen Tätigkeitsbedingungen sich in den letzten Jahrzehnten vielfältig verändert und aufgegliedert haben: Die schwerindustriellen Bereiche haben sich zurückgebildet, und der Computer ist zur Leittechnologie geworden. Die konkreten Auswirkungen der Veränderungen weisen eine widersprüchliche Tendenz auf: Qualifikationsschübe und die Zunahme selbstbestimmter Arbeitsformen für einen Teil der Beschäftigten und einschneidende Abwertungs- und Ausgrenzungserfahrungen für einen anderen (zunehmend größeren) stehen einander gegenüber und bedingen sich teilweise sogar. Die Vorstellungen früherer Jahrzehnte, daß die hochtechnologische Durchdringung der Arbeitswelt zu einer allgemeinen und gradlinigen Höherqualifizierung der Lohnarbeit führen würde, haben sich nicht bestätigt.

Dieser Umgestaltungsprozeß resultierte nicht, wie oft unterstellt wird, aus einer technologischen »Entwicklungslogik«, sondern aus veränderten Verwertungsbedingungen des Kapitals. Die Versuche, die unter Druck geratenen Profite zu stabilisieren, haben in den letzten drei Jahrzehnten zu einer Intensivierung der Ausbeutung und in deren Folge zu tiefgreifenden Umgestaltungen innerhalb des Systems kapitalistischer Arbeitsteilung (auch deren Internationalisierung) mit weitreichenden Konsequenzen für die Existenzbedingungen der Lohnabhängigen geführt: Sie sind unsicherer und unkalkulierbarer geworden.

Im Rahmen der mehrschichtigen Umwandlungsprozesse hat auch die Bedeutung von »Dienstleistungen« zugenommen, denn gerade der globalisierten Hightech-Produktion muß vielfältig zugearbeitet, diese oft mit großem Aufwand koordiniert werden. Dadurch ist die Arbeiterklasse natürlich nicht verschwunden, und trotz allen Geredes von einer postindustriellen Gesellschaft, sind die kapitalistischen Hauptländer Industriegesellschaften, sind die materielle Produktion und die Ausbeutung der Arbeit Dreh- und Angelpunkt des wirtschaftlichen Geschehens.

Aber diese eigentlich unübersehbaren Tatsachen werden mit der Behauptung in Frage gestellt, daß angesichts des erreichten Umfangs des Dienstleistungssektors diese Dinge keine prägende Bedeutung mehr besäßen: In soziologischen Lehrbüchern wird davon ausgegangen, daß zwei Drittel aller Beschäftigungsformen durch immaterielle Dienstleistungen geprägt und die Arbeiter weitgehend durch Angestellte verdrängt worden seien.

Geht man den empirischen Sachverhalten auf den Grund, wird jedoch schnell deutlich, daß ein Teil des statistischen »Schrumpfens« der Arbeiterklasse aus versicherungsrechtlichen Umgruppierungen resultiert: Aus vielen Arbeiterinnen und Arbeitern sind in den letzten Jahrzehnten auch bei unverändertem Charakter ihrer beruflichen Tätigkeit und ihrer Stellung im Produktionsprozeß »Angestellte« geworden. Die in den Zeiten des Prosperitätskapitalismus gestiegenen Angestelltenzahlen waren auch nicht, wie in soziologischen Allerweltstheorien behautet wird, die Konsequenz einer grundlegenden Veränderung der Klassenstrukturierung, sondern im Gegenteil Ausdruck einer Verallgemeinerung der Lohnarbeit, auch weil die Berufstätigkeit der Frauen zum »Regelfall« wurde.

In der Vergrößerung des Angestelltensektors drückt sich jedoch auch die Tatsache aus, daß die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse schon seit langem nicht mehr ausschließlich mit einfacher und körperlicher Arbeit deckungsgleich ist.

Als es die entsprechenden sozialversicherungsrechtlichen Trennungen noch gab, wurden die Beschäftigten an der Supermarktkasse ebenso als »Angestellte« geführt wie heute der Facharbeiter, der nach längerer Arbeitslosigkeit für den Getränkemarkt Bierkästen ausliefert, statistisch als »Dienstleister« kategorisiert wird.

Arbeiter als »Dienstleister«

Aktuelle Untersuchungen vermitteln ein wesentlich differenzierteres Bild über die Struktur der Erwerbsarbeit, als es lange Jahre die akademische Sozialwissenschaft tat. Wird ein Blick auf die konkreten Zahlen geworfen, relativiert sich die Behauptung eines Siegeszugs der »Dienstleistungsgesellschaft« beträchtlich. Es bleibt dabei, daß, wie schon erwähnt, in den produktiven Bereichen ein knappes Drittel aller Lohnabhängigen beschäftigt ist. Große Teile dieser im Arbeitsprozeß unmittelbar auf die Veränderung eines Arbeitsgegenstandes einwirkenden Beschäftigten repräsentieren die eigentliche Industriearbeiterklasse.

Aber nicht weniger als ein weiteres Drittel, das in den Statistiken als Beschäftigte im Dienstleistungssektor geführt wird, übt Tätigkeiten aus, die unmittelbar der materiellen Produktion zugeordnet sind. Das gilt beispielsweise für den überwiegenden Teil des Gütertransports, aber auch die Lagerhaltung und die Reparaturabteilungen, die heute meist »ausgegliedert« sind und deren Beschäftigte statistisch als »Dienstleiter« kategorisiert werden.

Wie immer man die Bedeutung einer sogenannten immateriellen Arbeit (ein Begriff, der bei Hardt/Negri bei ihrer intellektualistischen Negation des Industriesystems eine tragende Rolle spielt) im Gegenwartskapitalismus einschätzen mag: Sie führt keine selbständige Existenz, sondern ist in ihrem Kern (auch wenn ihre Bedeutung gewachsen ist) der materiellen Produktion zugeordnet: »Die Verwandlung von Dienstleistungen in materielle Produkte [ist] die vorherrschende Tendenz.« (U. Huws) Sie steht, in welcher Gestalt und mit welcher Bezeichnung auch immer, ob als »Dienstleistung«, »Kommunikation« oder »Wissenschaft«, in einem engem Zusammenhang mit jener und ist ein produktivitätssteigender Fraktor für die unmittelbaren Produzenten.

Grundsätzlich erweist sich die Unterscheidung von »materiellen« und »immateriellen« Produktionselementen in zentralen Bereichen des Industriesystems als immer schwieriger, denn der gegenwärtige Techniktyp verbindet zunehmend die Stoff- mit der Informationsverarbeitung. Die Grenzen verschwimmen, etwa durch die direkte Installation von Programmen in die Chips-Hardware während ihrer Herstellung. Kein Element kann ohne das andere existieren.

Die zunehmende »Intellektualisierung« der Industriearbeit ist ein Prozeß, der bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Schon in einer frühen Entwicklungsphase des Industriekapitalismus wurde es nötig, den Arbeitenden die Fähigkeiten zum Lesen und Rechnen zu vermitteln, damit sie die komplizierter (und produktiver) gewordenen Maschinen besser bedienen konnten. Jedoch war das niemals ein gradliniger Prozeß – und ist es auch heute nicht. Immer wurde er von dem Bestreben des Kapitals unterlaufen, die Maschinen so einfach zu gestalten, daß sie von unqualifiziertem Personal bedient werden konnten, das niedrigere Lohnkosten verursachte und leicht auswechselbar war. Auch die Verbreitung des Fließbandes war von dieser Zielvorgabe (kombiniert mit dem Streben nach effektiverer Kontrolle) motiviert.

Zur Steuerung dieser Prozesse und zur Bewältigung spezieller Aufgaben wurde aber dennoch qualifiziertes Personal benötigt. Es kristallisierte sich deshalb schon früh eine Spaltung der Arbeiterklasse in Segmente mit unterschiedlichen Ausbildungsstandards heraus. Noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts existierte der Eindruck, daß innerhalb der hochtechnologischen Bereiche sich eine neue Gruppe der technischen Intelligenz, neben und in gewisser Weise in Opposition zu den Facharbeitern, entwickeln würde. Jedoch stellten sich bald auch wieder Gegentendenzen ein: Während in den Jahren einer starken Zunahme technischer Experten in den produktiven Bereichen sich in vielen Fällen die Position der Facharbeiter zunächst verschlechterte, sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Beschäftigungsgruppen mittlerweile fließend geworden: Momente von Differenzierung und Angleichung überkreuzen sich; große Teile der technischen Intelligenz finden sich auf (wenn auch anspruchsvollem) Produzentenniveau wieder. In den Tarifverhandlungen der letzten Jahre spiegelt sich diese Tendenz im Verlangen der Unternehmer, qualifizierte und höherqualifizierte Beschäftigte auf das Tarifniveau von Facharbeitern hinabzudrücken.

Ende der belastenden Arbeit?

Es sind diese technologisch-professionellen Segmente (zu denen neben den »klassischen« Facharbeitern auch Techniker und teilweise auch Fachhochschulabsolventen mit niedrigem betrieblichem Status gehören), die heute den industriellen Kern der Arbeiterklasse ausmachen. Nur wenn diese Entwicklung ignoriert wird, die Arbeiterklasse mit den Beschäftigten auf niedrigem Qualifikations- und manuellem Anforderungsniveau gleichgesetzt wird, besitzt die Rede von ihrer Bedeutungsabnahme tatsächlich eine gewisse Plausibilität. Jedoch liegt dieser Sichtweise ein großes Mißverständnis zugrunde, weil sie den Charakter kapitalistischer Arbeitsteilung falsch einschätzt und ignoriert, in welchem Maße die Grenzen zwischen manueller und geistiger Arbeit verschwimmen, auch wenn sie nicht grundsätzlich aufgehoben sind: Mit dem Computer umgehen zu können, bedeutet nicht, nicht mehr zur Arbeiterklasse zu gehören!

Die auch in linken Erzählungen über den Hightech-Kapitalimsus verbreitete Behauptung, daß monotone und körperlich belastende Teilarbeit an den Rand gedrängt worden sei, entspricht nicht der Realität der Arbeitswelt: Denn noch immer muß fast ein Viertel aller Beschäftigten schwere Lasten tragen und heben, knapp 15 Prozent müssen in Zwangshaltungen (z.B. Überkopf-Arbeit) ihre Tätigkeiten ausüben und 24 Prozent sind starker Lärmbelästigung ausgesetzt. Es ist eine sicherlich sehr differenziert zu betrachtende, aber doch aufschlußreiche Tatsache, daß aktuell zirka 60 Prozent aller Beschäftigten im Stehen arbeiten. Wo traditionelle Belastungen tatsächlich abgebaut wurden, ist der Preis in der Regel eine Intensivierung der Arbeit mit Zunahme psychischer Belastungsmomente.

Es existieren sehr differenzierte Formen der Industriearbeit. Es gibt neben den noch sehr traditionell strukturierten Arbeitsplätzen (in den »Schwitzbuden«, wie es in der Umgangssprache heißt) auch Bereiche mit einer Dominanz mikroelektronisch geprägter Technologien. Gerade auch wegen vieler Überschneidungen zwischen den »neuen« und »alten« Anforderungsprofilen würde ein hermetischer Begriff von Industriearbeit (und dementsprechend der Arbeiterklasse) den gewandelten Formen kapitalistischer Mehrwertproduktion nicht gerecht werden.

Sind für viele Beschäftige einfache Computerkenntnisse eine Selbstverständlichkeit, so würde jedoch die Realität der Arbeitswelt verfehlt, wenn man diese mit einem tieferen Wissen über die neuen Technologien verwechselte. Es sind hauptsächlich Bedienungsfertigkeiten (entsprechend der Verallgemeinerung von Computerkenntnissen als neuer Kulturtechnik), die von den Lohnabhängigen erwartet werden. Der Anteil der akademisch ausgebildeten bzw. hochqualifizierten Beschäftigten mit technischem Tätigkeitsprofil liegt in den industriellen Sektoren im Zehn-Prozent-Bereich.

Michael Vester spricht zwar in seinem Buch über »Die neuen Arbeitnehmer« davon, daß insgesamt »die Spitzengruppen der höher qualifizierten Arbeitnehmer, die ›professionellen‹ (akademisch ausgebildeten) und die ›semiprofessionellen‹ (fachgeschulten Experten), in den fortgeschrittensten Ländern bereits etwa vier Zehntel der technisch-industriellen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« ausmachen. Das bedeutet aber im Umkehrschluß, daß selbst in den durch hohe technologische Entwicklungsstandards geprägten Industriebereichen die traditionellen Facharbeiter zusammen mit den Angelernten auch nach Vester einen 60prozentigen Anteil haben, wobei noch darüber zu diskutieren wäre, ob nicht ein großer Teil der »fachgeschulten Experten« aufgrund ihrer Betriebsstellung eher den traditionellen Facharbeitersegmenten zuzurechnen sind. Das würde bedeuten, daß traditionelle Qualifikations- und Beschäftigungsmuster in den industriellen Bereichen eher einen Anteil um die 75 Prozent haben.

Entfremdete Tätigkeit

Auch die selbstbestimmten und eigenverantwortlich strukturierten Tätigkeitsbereiche (z.B. in der Form der »Gruppenarbeit«) haben einen überschaubaren Umfang. Es ist nicht zu übersehen, daß sie Ausnahmen geblieben sind. Arbeitsplätze mit deutlich reduzierter Teilarbeit und erweiterten Handlungsspielräumen existierten beispielsweise in der Automobilindustrie zu keinem Zeitpunkt für mehr als zehn Prozent der Beschäftigten im oberen Segment der Industriepyramide. Der Rest der in Tausenden hierarchisch angeordneten Zulieferbetrieben beschäftigten Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeitern, ist häufig mit tayloristischen Arbeitsbedingungen konfrontiert. In den Basisetagen des arbeitsteiligen Produktionssystems verschlechtern sie sich von Stufe zu Stufe.

Nach einer kurzen Phase ihrer »Humanisierung« sind als Konsequenz der neoliberalistischen Ausbeutungsstrategien die Arbeitsbedingungen wieder restriktiver geworden, hat sich der Leistungsdruck bei gleichzeitig zunehmender Arbeitsplatzunsicherheit verstärkt. Die Bilanz der letzten zwei Jahrzehnte fällt ernüchternd aus: »Der repetitive Arbeitstyp bestimmt das Gesamtbild der Produktionsarbeit. Die Fließbandarbeit, die auf standardisierten, kurz getakteten Bearbeitungszyklen beruht, ist im Kern unangetastet geblieben. Ja mehr noch: Das Fließband hat in den Montagebereichen eine Art Renaissance erfahren.« (C. Kurz)

Es gibt zwar eine zunehmende Zahl von Arbeitsplätzen ohne große körperliche Anstrengungen, die jedoch konzentriertes Betrachten des Computerbildschirms oder die Bearbeitung und Montage kleinster Bauteile unter dem Mikroskop erfordern. Häufig klagen die Beschäftigten an diesen Arbeitsplätzen bei längerer konzentrierter Arbeit mit dem Mikroskop über schmerzende Augen, Schwindelgefühle und Kopfschmerzen.

Fast immer, wenn durch den Einsatz neuer Technologien traditionelle Belastungen abgebaut werden, steigt als Kehrseite die Beanspruchung der Beschäftigten durch einen höheren Leistungsdruck, die »Verdichtung« der Arbeit und die Intensivierung der vom Computer unterstützten Leistungskontrolle.

Vor allem in den Basisbereichen einer »Neuen Arbeitswelt« mit ihrer wenig anspruchsvollen Computerarbeit (einfache Programmiertätigkeiten, die Eingabe von Daten in elektronische Verarbeitungssysteme oder Tätigkeiten in den Callcentern) ist zu beobachten, daß die Mehrheit der Arbeitsplätze fremdbestimmt und belastend geblieben ist. In seiner Grundtendenz hat die Marxsche Analyse des Entfremdungsverhältnisses nichts von ihrer Aktualität verloren: »Innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten.«

Belegt wird dies auch durch die Selbsteinschätzung von Beschäftigten in Bereichen des Industriesystems mit hohen Qualifikationsanforderungen: Aufgrund eskalierender Leistungserwartungen und einer vom ständigen Streß geprägten Arbeitssituation gehen nur vier von zehn IT-Spezialisten davon aus, ihren Beruf dauerhaft ausüben zu können.

Trotz der nach wie vor großen Bedeutung des industriellen Sektors kann nicht ignoriert werden, daß die lohnabhängige Arbeit sich aufgesplittet und differenziert hat. Aber gleichzeitig nähern sich durch einen auf die Spitze getriebenen Rationalisierungsdruck die Arbeitsbedingungen in vielen Bereichen der Berufswelt an. In den Verwaltungsbereichen, den Konstruktionsbüros, aber auch den Krankenhäusern verallgemeinern sich die Standards industrieller Arbeitsteilung.

Viele der Beschäftigten, die in den Reproduktionsbereichen einem gesteigerten Veränderungsdruck unterworfen sind, gehören zwar nicht zur Arbeiterklasse in einem traditionellen Verständnis, jedoch ist die Pflegerin in einer größeren Betriebseinheit des Gesundheitswesens in einem ebenso hohen Maße aktionsfähig wie die Mitarbeiter der Müllabfuhr oder die Lohnabhängigen in den Nahverkehrsunternehmen.

Es sind gerade die Bereiche der »Daseinsvorsorge«, die seit einigen Jahren im Visier von Privatisierungsstrategien stehen. In ihnen wird zwar kein Mehrwert geschaffen, jedoch dient die Arbeitskraft der dort Beschäftigten den Investoren zur Aneignung von Teilen der Mehrwertmasse. Und dies ist ein höchst konfliktbeladener Prozeß! Denn die Arbeitsbedingungen verschlechtern und der Leistungsdruck erhöht sich in der Regel durch die Privatisierung ebenso, wie das Einkommensniveau in Frage gestellt und die Arbeitsplätze unsicherer werden. Daß in der letzten Zeit die Belegschaften in diesen Bereichen ihre Handlungsfähigkeit häufiger demonstriert haben, ist also alles andere als Zufall.

Kern der Lohnabhängigenklasse

Nun gibt es jedoch keinen Anlaß, aufgrund der Bedeutungszunahme neuer Segmente der Lohnabhängigenklasse zu ignorieren, wie zentral die Stellung der klassischen Industriearbeiterschaft immer noch ist. Es gibt keinen sachlichen Grund, die einen gegen die anderen auszuspielen, jedoch ist es notwendig, ihr Verhältnis konkret zu bestimmen.

Den arbeitsrechtlichen Abhängigkeitsstatus allein zugrunde gelegt, könnten gegenwärtig fast 90 Prozent der Beschäftigten in der Bundesrepublik als Angehörige einer »Lohnabhängigenklasse« angesehen werden. Ein solcher Blickwinkel bleibt jedoch problematisch, weil diese weitgefaßte »Klasse« vielfältige Differenzierungsmomente aufweist, neben den Beamten auch jene abhängig Beschäftigten umfaßt, die der Kapitalistenklasse unmittelbar zuarbeiten und in deren Interessensperspektive agieren.

Es spricht vieles dafür, weiterhin den Begriff »Arbeiterklasse« für die Beschäftigten in den industriellen Kernbereichen zu reservieren. Im Sinne der obigen Problemskizze umfassen sie jedoch keinesfalls nur die manuell tätigen, sondern auch die industriellen »Geistesarbeiter« (sofern sie nicht direkt dem Management zuzurechnen sind). Ihnen zugeordnet sind die Lohnabhängigen in den Reproduktionsbereichen, die aufgrund ihrer objektiven beruflichen Existenzbedingungen nicht nur ebenfalls in einem strukturellen Gegensatz zum Kapital stehen, sondern auch in der Lage sind, wirksam zu streiken und so nach dem alten Motto der Arbeiterbewegung »Alle Räder stehen still« in Konfliktsituationen Sand ins Getriebe der Kapitalverwertung zu streuen.

In Anlehnung an ein traditionelles Begriffsschema kann hinsichtlich dieser strukturell handlungsfähigen Segmente abhängiger Beschäftigung vom Kern der Lohnabhängigenklasse gesprochen werden. Dazu gehören die Krankenschwester und der Flugbegleiter, der LKW-Fahrer und die Fahrdienstleiterin bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben. Dieser »Kern der Lohnabhängigenklasse« umfaßt aktionsperspektivisch die industriell Beschäftigten in ihren überwiegenden Teilen, die übrigen Klassensegmente jedoch nur, insofern die Struktur ihrer Arbeitsplätze durch ein Mindestmaß an Kollektivität, als Voraussetzung ihrer Handlungsfähigkeit, geprägt ist.

Von Werner Seppmann sind im Frühjahr 2011 die beiden Bücher »Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute« (Kulturmaschinen Verlag, Berlin) und »Risiko-Kapitalismus. Krisenprozesse, Widerspruchserfahrungen und Widerstandsperspektiven« (PapyRossa Verlag, Köln) erschienen.

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