Kommunistische Jugend Schweiz

Materialismus vs. Idealismus

Grundfrage der Philosophie, Materialismus, Idealismus
Engels hat sie in folgenden Worten formuliert: „Die grosse Grundlage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein … je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalten sich die Philosophen in zwei grosse Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen…, bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.” (F. Engels: „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie”) Doch wie ist das zu verstehen? Das Verhältnis von Sein und Denken oder allgemeiner von Materie und Bewusstsein bildet den Inhalt der Grundfrage der Philosophie. In der blossen Wahrnehmung finden wir nicht zwei getrennte, voneinander unabhängige Welten, eine „Welt der Materie” und eine „Welt des Bewusstseins”. Bewusstsein finden wir nur als menschliches Bewusstsein, als Produkt der Sinnes- und Hirntätigkeit und der praktischen gesellschaftlichen Tätigkeit des Menschen. Es existiert immer nur als Bestandteil des materiellen Lebensprozesses der Menschen. Warum ist es für die Menschen wichtig, das Verhältnis zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen realem Sein und Denken richtig zu bestimmen? Ist das vielleicht nur eine „philosophische Spinnerei”, eine künstlich ausgedachte Frage? Keineswegs! Wenn wir uns mit unserer Umwelt praktisch auseinandersetzen, im Arbeitsprozess auf sie einwirken und sie entsprechend unseren Bedürfnissen verändern, bilden unsere materielle praktische Tätigkeit und die geistige Tätigkeit unseres Bewusstseins eine untrennbare Einheit. Sie sind eng miteinander verflochten. Wenn wir hierbei aber erfolgreich sein und die angestrebten Resultate auch wirklich erreichen wollen, müssen wir es lernen, deutlich zwischen den Gegenständen der materiellen Welt einerseits und unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken über diese Welt andererseits zu unterscheiden. Und genauso müssen wir zwischen der materiellen praktischen Tätigkeit, welche die Gegenstände tatsächlich verändert, und den gedanklichen Operationen des Bewusstseins unterscheiden, die allein überhaupt nichts verändern können.

Was verstehen wir unter Materialismus und Idealismus?
Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt erstens, dass die Materie dem Bewusstsein zeitlich vorausgeht. Die Materie existiert vor dem Bewusstsein, denn sie ist ewig und unendlich. Das Bewusstsein aber entsteht erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Materie. Seine Existenz hängt von ganz bestimmten Bedingungen ab, deshalb ist es vergänglich, bedingt und endlich. Die Einsicht, dass die Materie ewig ist, dass sie weder vernichtet noch erschaffen werden kann, ist eine gesicherte philosophische Erkenntnis von grundlegender Bedeutung. Sie gründet sich auf umfassendes und unumstöss- liches wissenschaftliches Beweismaterial, insbesondere auf die physikalischen Erhaltungssätze, die besagen, dass weder Masse noch Energie vernichtet oder aus Nichts erschaffen werden können. Wir wissen weiter aus der Erforschung der Geschichte unserer Erde, dass es auf ihr vor einigen Milliarden Jahren noch kein Leben gab. Folglich konnte es auch keine mit Bewusstsein begabten Lebewesen geben. Erst nach längeren Entwicklungsprozessen entstanden Formen belebter Materie. Aus deren Evolution gingen schliesslich auch die ersten Menschen hervor, und mit ihnen entstand erst ein voll ausgebildetes Bewusstsein. Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt zweitens, dass das Bewusstsein ein Entwicklungsprodukt der Materie ist, welches auf der Grundlage besonders hoch organisierter Materie, des menschlichen Gehirns, als eine qualitativ besondere Eigenschaft der Materie entsteht. Diese besondere Eigenschaft besteht in der Fähigkeit, die materielle Welt in ideellen Formen widerzuspiegeln, ideelle innere Modelle der äusseren Welt zu bilden, sich bewusst Ziele zu setzen und das Verhalten nach bestimmten Programmen zweckmässig zu lenken. Das Bewusstsein ist ein Produkt der naturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Diese These des dialektischen und historischen Materialismus gründet sich auf die philosophische Verarbeitung eines riesigen Tatsachenmaterials und wichtiger Erkenntnisse vieler Wissenschaften. Friedrich Engels hat diesen Prozess wie folgt beschrieben: „Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache – das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluss das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit grössere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist… Die Rückwirkung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewusstseins, Abstraktions- und Schlussvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoss zur Weiterbildung…” (F. Engels, „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen”). Diese Auffassung ist in der Folgezeit durch die Anthropologie, die Neurophysiologie und die Psychologie in vollem Umfang bestätigt und auf der Grund- lage der neuen Forschungsergebnisse weiter präzisiert worden. So ist das menschliche Bewusstsein also ein Entwicklungsprodukt der Natur und der Gesellschaft. Seine materiellen Grundlagen sind sowohl die besonders hoch organisierte Materie des Gehirns und seine Tätigkeit als auch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen und ihre materielle praktische Tätigkeit. Zwischen diesen beiden Seiten der materiellen Grundlage des Bewusstseins besteht eine enge Wechselwirkung. Das Gehirn als Organ des Bewusstseins ermöglicht und vermittelt die aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Und diese Umwelt bestimmt in entscheidendem Masse den Inhalt der Hirntätigkeit. Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt drittens, dass das Bewusstsein eine ideelle Widerspiegelung der materiellen Welt ist. Das Bewusstsein erzeugt seine Inhalte nicht aus sich selbst, sie fliessen ihm auch nicht aus übernatürlichen Quellen zu, sondern es gewinnt sie aus der geistigen Aneignung und Widerspiegelung der materiellen Welt in Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffen, Aussagen, Theorien usw.. Der Inhalt des menschlichen Bewusstseins ist also eine Widerspiegelung, eine Abbildung der materiellen Welt. Diese Widerspiegelung entwickelt sich auf der Grundlage der jeweils gegebenen Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Praxis des Menschen, sie ist also historisch bestimmt. Dank seinem ideellen Charakter ist das Bewusstsein in der Lage, die materielle Welt widerzuspiegeln. Es kann so verallgemeinernde und abstrahierende Abbilder wesentlicher Eigenschaften und Zusammenhänge der äusseren Welt schaffen, sie speichern und mit ihnen operieren. Das Bewusstsein widerspiegelt nicht nur die Gegenstände, Prozesse, Strukturen und Gesetzmässigkeiten der objektiven Welt, sondern immer auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, Interessen und Bedürfnisse, auf deren materieller Grundlage es entsteht und sich entwickelt. Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt viertens schliesslich, dass das Bewusstsein den Menschen als Mittel der aktiven Umgestaltung der Welt dient. Widersprechen wir damit nicht der Behauptung, das Bewusstsein sei sekundär, abgeleitet und von der Materie bestimmt? Zwar ist das Bewusstsein sekundär gegenüber der Materie. Sie war vor dem Bewusstsein da, hat das Bewusstsein aus sich hervorgebracht und ist auch der Inhalt des Bewusstseins. Aber daraus folgt überhaupt nicht, dass es keine bedeutende Rolle spielen kann. Das Bewusstsein ist ein notwendiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebensprozesses. Dieser ist als aktive Aneignung, Veränderung und Umgestaltung der Welt nur möglich, weil das Bewusstsein die Menschen befähigt, diese Welt zu erkennen, sich bewusst Ziele zu setzen, Erfahrungen zu sammeln, zu lernen und ideell entworfene Programme und Projekte materiell zu realisieren. Der Materialismus in allen seinen historischen Formen stand stets im Gegensatz zum Idealismus und hat sich in ständiger Auseinandersetzung mit dem Idealismus entwickelt. Der Idealismus ist die philosophische Grundrichtung , die davon ausgeht, dass das Bewusstsein, das Denken, der Geist, der Wille, also irgend etwas Ideelles, Immaterielles primär, grundlegend, bestimmend ist; die Materie, die Natur, die materielle Welt sei von diesem hervorgebracht oder abhängig. Der Kampf des Materialismus gegen den Idealismus ist eng mit dem Kampf der Wissenschaft gegen die Religion verbunden. Der Materialismus ist dem Idealismus und der Religion prinzipiell entgegengesetzt. Er bestreitet die Existenz Gottes oder anderer übernatürlicher Kräfte und ist folglich Atheismus. Der Idealismus ist eng mit der Religion verbunden; er ist ihr direkter oder indirekter theoretischer Ausdruck und ihre theoretische Begründung.