Kommunistische Jugend Schweiz

Philosoph und Revolutionär

Karl Marx ist der bedeutendste Theoretiker der ArbeiterInnenbewegung. Er war aber nicht nur Theoretiker, sondern prägte die Kämpfe seiner Zeit: Mit der demokratischen Bewegung während der Revolution 1848 und später in der Ersten Internationalen.

Karl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier, im äussersten Westen Deutschlands, geboren. Marx’ Grossvater und Onkel waren beide nacheinander Rabbiner in Trier. Der Vater Hirschel war Rechtsanwalt und später Justizrat und liess sich 1824 Heinrich Marx taufen. Er war mit Henriette Pressburg verheiratet, die aus einer alten jüdischen Familie aus Holland entstammte. Von den Geschwistern Karl Marx’ erreichten drei Schwestern das Erwachsenenalter. Seinen Eltern, deren Ehe überaus glücklich war, verdankte Marx eine glückliche und sorgenfreie Jugend. Die Mutter hat ihr Leben lang nur schlecht Deutsch gesprochen und nahm an den geistigen Kämpfen ihres Sohnes keinen Anteil. Der Vater, der kurz nach Karls zwanzigstem Geburtstag starb, war preussischer Patriot, verstand seinen Religionswechsel zum Protestantismus (ab 1816) als «zivilisatorischer Fortschritt», wobei auch der zunehmende Judenhass im Rheinland eine Rolle gespielt haben dürfte. Die Familie war wohlhabend und gebildet. Im Herbst 1835 begann Marx ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Bonn. Ein Jahr später verlobte sich Marx im Alter von achtzehn Jahren mit seiner Jugendfreundin Jenny von Westphalen, das «schönste Mädchen von Trier», so Marx. Die vier Jahre ältere Jenny war Tochter eines hohen Beamten, der trotz Namen nicht zum Adel oder Junkertum gehörte und für Marx ein «teurer, väterlicher Freund» gewesen war.

Hegels Philosophie
1836 setzte Marx sein Studium in Berlin fort. Um die Vorlesungen hat er sich nicht gross gekümmert; in neun Semestern hat er zwölf belegt, hauptsächlich die obligatorischen Vorlesungen der Rechtswissenschaft. Im Selbststudium befasste er sich aber vor allem mit Geschichte und Philosophie. Er versuchte sich auch als Dichter, sah aber irgendwann die «Falschheit des Ganzen» ein. Im Wissensstoff, den er bewältigte, rückte Hegels Philosophie, die damals als preussische Staatsphilosophie galt, ins Zentrum seines Interesses. Hegel verherrlichte den Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige. Es sei die höchste Pflicht jedes Einzelnen, Mitglied des Staates zu sein. Aber das System, das sich Hegel für seine Person zurechtgemacht hatte, stand in unversöhnlichem Widerspruch mit der dialektischen Methode, die er philosophisch vertrat. Dieser zufolge ist alles in steter Veränderung begriffen, die Geschichte ist ein in ewiger Umwälzung begriffener Entwicklungsprozess. Marx schloss sich einem Klub von sogenannten Junghegelianern, linken Hegelanhängern, an. Anführer der Runde war Bruno Bauer (1809-1882). Man befasste sich vor allem mit Philosophie- und Religionskritik. Bauer beispielsweise wies nach, dass die Evangelien keine geschichtlich Grundlage hatten, Fantasieprodukt waren. Er war ein «unzertrennlicher Gefährte» für Marx. Als Reaktion auf die Evangelienkritik erhielt Bauer ein Unterrichtsverbot und als Freund Bauers schloss sich für Marx die Aussicht auf eine akademische Laufbahn und eine Professur. Nichtsdestotrotz schloss Marx 1941 mit einer Abhandlung über die Differenz zwischen demokritischer und epikureischer Naturphilosophie einen Doktortitel ab. Demokrit war der strengste Materialist der älteren Naturphilosophen Griechenland. Sein Schüler Epikur wurde laut Marx zum «grössten griechischen Aufklärer» und kämpfte gegen die Religion. Marx stand in dieser ersten Schrift jedoch noch ganz auf dem idealistischen Boden der Hegelschen Philosophie.

Annäherung an den Kommunismus
Zu dieser Zeit wurde in Köln von radikalen BürgerInnen des Rheinlands, die Berührungspunkte mit den JunghegelianerInnen hatten, ein oppositionelles Blatt gegründet: die «Rheinische Zeitung». Marx und Bruno Bauer wurden als Hauptmitarbeiter herangezogen. Schon in den ersten Wochen klagte die Regierung über die «subversive Tendenz» des Blattes. Im Oktober 1842 wurde Marx Chefredakteur und übersiedelte nach Köln. Die revolutionär demokratische Richtung der Zeitung wurde unter der Redaktion von Marx immer bestimmter; zunehmend befasste sie sich mit kommunistischen Ideen. Die heftigen Reaktionen darauf veranlassten Marx sich näher mit jenen zu befassen. Marx hat aber nicht einfach die Theorie studiert; er hat die Konflikte in der Gesellschaft, die diese Ideen hervorgebracht hatten, analysiert und näherte sich so dem Kommunismus an. Er befasste sich zum ersten Mal mit den konkreten Problemen der Menschen. Der Regierung wurde die Zeitung bald lästig, sie unterwarf die «Rheinische Zeitung» zunächst der Zensur und beschloss schliesslich das gänzliche Verbot der Zeitung 1843. Marx sah sich daraufhin zur Niederlegung seines Redakteurpostens genötigt und verliess Preussen. Marx schrieb über seine vergangene Arbeit: «Es ist schlimm, Knechtsdienste selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und der Wortklauberei müde geworden. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt …»

Abrechnung mit Junghegelianer
Marx begann, Kritik an den JunghegelianerInnen zu üben. Er stiess auf die Schriften von Ludwig Feuerbach, der einst ebenfalls Hegel anhing, nun aber dessen ganze Philosophie über Bord warf und die Anschauung des Menschen und der Natur in den Mittelpunkt des Denkens stellte. Feuerbach wies nach, dass der Mensch die Religion machte, sie eine Rückspiegelung unseres eigenen Wesens wäre. Für Marx hatte sich die Hegelsche Philosophie als unfähig erwiesen, die materiellen Fragen zu lösen, die ihm in der «Rheinischen Zeitung» entgegengetreten waren. Feuerbachs «Reform der Philosophie» machte darum einen tiefen Eindruck auf Marx, wenngleich er ihr sofort kritisch begegnete: Feuerbach weise «zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik» hin. Marx begann, Hegels Rechts- und Staatsphilosophie so gründlich zu untersuchen, wie Feuerbach die Natur- und Religionsphilosophie desselben untersucht hatte.
Nach sieben Jahren Verlobungszeit vermählte sich Marx 1843 mit Jenny von Westphalen. Im gleichen Jahr übersiedelte Marx nach Paris, um im Ausland, gemeinsam mit dem Junghegelianer Arnold Ruge (1802-1880), eine radikale Zeitschrift herauszugeben: die «Deutsch-Französischen Jahrbücher», von denen allerdings nur das erste Heft erschienen ist. Darin sollte das «politische Prinzip Frankreichs» mit der deutschen Hegelschen Philosophie als metaphysischer Kompass verbunden werden. Ruge berichtet 1844 in eine Brief, Marx lese sehr viel und arbeite mit ungemeiner Intensität, aber er vollende nichts, breche überall ab und stürze sich immer von Neuem in ein endloses Büchermeer. Marx hat zwei Artikel in der Zeitschrift veröffentlicht, in der er die «rücksichtslose Kritik alles Bestehenden» verkündet und an die Massen und an das Proletariat appelliert. Schwierigkeiten bei ihrer geheimen Verbreitung in Deutschland und Meinungsverschiedenheiten mit Ruge führten zur Einstellung der «Deutsch-Französischen Jahrbüchern».

Übereinstimmung mit Engels
Im Paris dieser Jahre sprudelten die sozialistischen und kommunistischen Ideen. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie auf die Einsicht und das Wohlwollen der besitzenden Klassen rechneten, die durch friedliches Überzeugen zu gesellschaftlichen Reformen gebracht werden konnten. In dieser Zeit begannen sich aber auch ArbeiterInnenbewegung und der Kommunismus anzunähern. Im ersten Werk von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), das ohne Utopien das Privateigentum als Ursache aller sozialer Übel ermittelte, sah Marx das erste wissenschaftliche Manifest des modernen Proletariats.
Im September 1844 kam für einige Tage Friedrich Engels nach Paris und wurde seit dieser Zeit der nächste Freund von Marx. In den «Deutsch-Französischen Jahrbüchern» hatte Engels mitgeschrieben, über eine Kritik der Ökonomie. Sie hatten bei dieser Arbeit eine «Übereinstimmung der Gedanken» gefunden. Friedrich Engels (1820-1895) entstammte einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie mit konservativer, religiöser Einstellung. Engels wurde kaufmännisch ausgebildet und diente für die Gardeartillerie in Berlin (die Militärwissenschaft gehörte ein Leben lang zu seinen Lieblingsstudien). Über die Religionskritik stiess er auf Hegel. In England arbeitete Engels als Kommis in der Grossspinnerei seines Vaters. Für Engel hatte die Zeit in England eine ähnliche Bedeutung gehabt, wie für Marx das Pariser Jahr. Beide kamen aus der Schule der deutschen Philosophie, von der aus sie im Ausland zu ganz gleichen Ergebnissen gelangten, aber während Marx durch das Studium der Französischen Revolution, so stiess Engels durch die englische Industrie auf eine Kritik am Privateigentum und auf den Klassenkampf. Nun standen den beiden die einstigen junghegelianischen Freunde als ideologische Gegner gegenüber: Die Junghegelianer waren durch die preussische Repression zur «reinen» Theorie und Philosophie zurückgekehrt. Das erste gemeinsame Werk von Marx und Engels, die «Heilige Familie», war entsprechend eine Kritik an den Junghegelianern. Dabei hatten sie ihre philosophische Vergangenheit noch nicht abgestreift: Mit Feuerbachs Humanismus schlugen sie gegen Bruno Bauers spekulativen Idealismus. Erst mit der zweiten Abrechnung mit den Junghegelianern in der unveröffentlichten «Deutschen Ideologie» formte sich ihre eigene Philosophie vollständig heraus: der historische oder auch dialektische Materialismus. Ihr zufolge bildet die wirtschaftliche Produktion die Grundlage für die politische und intellektuelle Geschichte einer Periode: Die ganze Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen zwischen den ausgebeuteten und den herrschenden Klassen.

Der Bund der Kommunisten
Im Jahre 1845 wurde Marx auf Betreiben der preussischen Regierung als gefährlicher Revolutionär aus Paris ausgewiesen. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Brüssel. Im Frühjahr 1847 schlossen sich Marx und Engels einer geheimen Propagandagesellschaft an, dem «Bund der Kommunisten». Dieser Bund stiftete zunächst deutsche Arbeiterbildungsvereine, worin öffentliche Propaganda möglich war. Bei den Vereinen wurde an einem Tag in der Woche diskutiert, an einem zweiten gab es Unterhaltung. Es wurden Vereinsbibliotheken eingerichtet und Unterricht in Elementarkenntnissen für ArbeiterInnen organisiert. Marx wurde Vizepräsident des Bundes und führte den Verein in Brüssel, hielt in den Brüsseler Arbeitervereinen Vorträge. Der Anarchist Michail Bakunin (1814-1876), der ebenfalls in der ArbeiterInnenbewegung aktiv war, lästerte damals über Marx: Er «verdirbt die Arbeiter, indem er Räsoneure (Klugschwätzer) aus ihnen macht». Schliesslich verfassten Marx und Engels im Auftrag des Bundes das berühmte, im Februar 1848 erschienene Manifest der Kommunistischen Partei, ihr politisches Programm.
In diesen Jahren waren in der Familie Marx drei Kinder geboren worden; das erste Töchterchen hiess nach der Mutter Jenny und kam 1844 zur Welt.

Revolution in Europa
Zu dieser Zeit brach die Revolution aus und stürzte das französische Bürgerkönigtum, sie bildete den Funken für die Märzrevolution in weiteren Regionen Mitteleuropas. In Belgien konnte sich der König durch Kompromisse halten. Gegen AusländerInnen wurde nun gehetzt. Marx und seine Ehepartnerin Jenny wurden kurzzeitig verhaftet. Marx reiste nach Paris aus, auch mit dem Auftrag, die Zentralbehörde des Kommunistenbundes von London in die französische Hauptstadt zu verlegen. In Wien und Berlin siegte im März die Revolution. Für Deutschland wurden vom Bund Forderungen wie die Erklärung zur Republik, Verstaatlichung von feudalen Gütern, von Bergwerken und Transportmittel, die allgemeine Volkserziehung usw. gefordert. Der Bund organisierte auch die Reise von einigen hundert ArbeiterInnen und der Mehrheit der Bundesmitgliedern nach Deutschland. Letztere wurden auch zu treibenden Kräften der deutschen Revolution. Der Bund der Kommunisten war aufgelöst: Als Organisation nirgends, als Propaganda überall. Marx und seine FreundInnen brachen ins Rheinland auf. Es gelang ihnen, sich in Köln an die Spitze der demokratischen Bewegung zu stellen. Am 1. Juni brachten sie eine neue Zeitung heraus: die «Neue Rheinische Zeitung», mit Marx als Chefredakteur. Ziel war, die revolutionäre Bewegung voranzutreiben. Die Aufgabe war dringend, da das im März Gewonnene im Juni schon wieder halb verloren war. Die Bourgeoisie, die die Macht erlangt hatte, beeilte sich die Revolution zu verraten, um die «Kontinuität des Rechtszustandes» zu erhalten. In Berlin unterstellte sich der neue Landtag selber wieder der Macht der Krone.

Die Konterrevolution siegt
Die Krisen der Revolution in Berlin und Frankfurt wirkten sich stark auf Köln aus. Nur in Köln wurde ein fester demokratischer Kongress gebildet. Einer der wichtigsten Vereine darin war die Demokratische Gesellschaft, die von Marx geleitet wurde. Ein Zeitgenosse berichtete: «Marx war damals dreissig Jahre alt und bereits das anerkannte Haupt einer sozialistischen Schule. Der untersetzte, kräftige Mann mit der breiten Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunklen, blitzenden Augen, zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er besass den Ruf eines in seinem Fach sehr bedeutenden Gelehrten, und was er sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar.»
Die Konterrevolution machte sich daran, da die Revolution nicht vorwärtszuschreiten wagte, mit Justiz und Polizei gegen die demokratischen RevolutionärInnen vorzugehen. In Wien und Berlin kam es im Oktober und November zu Kämpfen, die mit dem Sieg der alten Macht endete. Für die DemokratInnen mit Marx und die «Neue Rheinische Zeitung» war der entscheidende Augenblick gekommen, die Gegenrevolution durch eine zweite Revolution bekämpft werden müsse. Jeden Tag rief das Blatt die Massen dazu auf, der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten. Marx und seine Mitstreiter mussten sich wegen Aufforderung zum bewaffneten Widerstand vor Gericht verteidigen. Marx überzeugte die Geschworenen und sie wurden freigesprochen.

Leben in Armut
Die Konterrevolution ging auf einem anderen Weg gegen die RevolutionärInnen vor, indem sie ihnen das Aufenthaltsrecht entzog und sie aus Preussen auswies. So auch Marx, der nach Paris flüchtete und 1849 auch von dort ausgewiesen wurde. Er zog nach London, wo er bis zu seinem Tode lebte, in tiefster Armut. Die Bedingungen des Emigrantenlebens waren äusserst schwer. Die Not lastete geradezu erdrückend auf Marx und seiner Familie; ohne die ständige aufopfernde finanzielle Unterstützung Engels hätte die Familie Marx nicht überlebt. Marx verdiente ein unregelmässiges Einkommen unter anderen mit seiner Korrespondenzarbeit für die «New York Tribune», damals die auflagenstärkste Zeitung der USA, sowie für die linke chartistische Presse in England. Sowohl durch seine Armut wie auch durch die Unsicherheit seiner Existenz hat Marx das Los des Proletariats geteilt. 1855 starb sein einziger Sohn, der neunjährige Edgar, durch Krankheit. Die Eltern waren am Boden zerstört.
Marx zog sich in den 1850er-Jahren fast völlig in die Studierstube zurück. Er war durch die vorherrschenden Lehren und Strömungen des kleinbürgerlichen und überhaupt des nichtproletarischen Sozialismus ständig zu schonungslosem Kampf, zuweilen zur Abwehr der gehässigsten und absurdesten persönlichen Angriffe genötigt. Marx hielt sich abseits von den EmigrantInnenzirkel und arbeitete in einer Reihe von historischen Schriften seine materialistische Theorie aus; mit besonderem Eifer widmete er sich dem Studium der politischen Ökonomie. Marx revolutionierte diese Wissenschaft in seinen Werken «Zur Kritik der Politischen Ökonomie» (1859) und «Das Kapital« (Band I, 1867). Bei kaufmännischen Fragen, auf die Marx während seinen ökonomischen Studien stiess, zog er oft Engels mit dessen praktischen Erfahrung zu Rate. Engels kannte den inneren Mechanismus der kapitalistischen Gesellschaft genauer, Marx wusste aber «mit schärferer Denkkraft» ihren Bewegungsgesetzen nachzuspüren.

Die Internationale
1864 wurde in London die Internationale Arbeiterassoziation gegründet. Unter französischen und britischen ArbeiterInnen kam der Wunsch auf, international stärker zusammenzuarbeiten. Verschiedenste GewerkschafterInnen, DemokratInnen, SozialistInnen bildeten ein Komitee. Marx wurde mit einigen anderen aus dem alten «Bund der Kommunisten» angefragt, die deutschen ArbeiterInnen zu vertreten. Marx arbeitete die Statuten sowie die Gründungsrede der ersten internationalen ArbeiterInnenorganisation aus. Darin zeigte er, dass die Erfahrung der Vergangenheit lehre, dass die ArbeiterInnen der verschiedenen Länder in den Kämpfen für ihre Befreiung fest beieinander stehen müssen. Marx stellte sich bald als das eigentliche «Haupt» der Bewegung heraus. Keiner in der Assoziation besass seine Eigenschaften: Den klaren und tiefen Einblick in die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung, seine Geduld, sich mit dem Möglichen abzufinden, seine Unerbittlichkeit gegen verstockte Unwissenheit.
Eine Reihe Gewerkschaften schlossen sich der Internationalen an. Die Geldprobleme der Organisation lösten sich damit nicht, da die angeschlossenen Vereinen nach Belieben oder auch gar keine Beiträge zahlen mussten. In ihren Beschlüssen stellte die Internationale Forderungen im Sinne der ArbeiterInnen auf: Beschränkung des Arbeitstags, Arbeitsschutzgesetze, Gewerkschaftsrechte, Kinderschutz etc. In dieser Zeit arbeitete Marx an der Vollendung des ersten Teils seines Hauptwerks, die sich immer weiter hinauszögerte: Das «Das Kapital». Mit dem zweiten und dritten Band lief es ähnlich: Marx hoffte, sie bald veröffentlichen zu können, aber dies zog sich über lange Jahre hin, und es ist ihm nicht gelungen, sie druckfertig herzustellen. Der Tod hinderte ihn, das ganze Werk zu vollenden, und so hat Engels die beiden Bände aus den unfertigen Manuskripten zusammengestellt, die sein Freund hinterlassen hatte. Marx deckt im ersten Band des «Kapitals» die wirkliche Wurzel der kapitalistischen Bereicherung auf und zeigt, wie der Profit aus der Lohnarbeit entsteht. Der zweite Band folgt dem weiteren Weg der Ware und behandelt den Warenaustausch. Im dritten Band spürt Marx der Profitverteilung nach.

Die Pariser Kommune
Als nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg zu Beginn der 1870er-Jahre in Paris ein Aufstand ausbrach und die Pariser Kommune einläutete, gehörten die Pariser Mitglieder der Internationalen zu den einsichtigsten und tapfersten KämpferInnen der Kommune. Es handelte sich um die erste eigene Revolution der ArbeiterInnenklasse in der Geschichte. Nach dem Fall der Pariser Kommune (1871) machten die reaktionären Mächte gegen die Internationale mobil, die sie als Drahtzieherin der Revolution identifizierte. Durch diesen Druck und durch die Spaltung der Internationale durch die BakunistInnen war ihr Fortbestehen in Europa unmöglich geworden. Nach dem Haager Kongress der Internationale (1872) setzte Marx die Verlegung des Generalrats der Internationale nach New York durch, aber ihr gelang es nicht, feste Wurzel auf dem amerikanischen Kontinent zu fassen. Die Erste Internationale hatte jedoch ihre historische Rolle erfüllt; sie räumte das Feld für eine Epoche unvergleichlich grösseren Wachstums der ArbeiterInnenbewegung in allen Ländern der Welt: die Epoche ihrer Entwicklung in die Breite, der Schaffung sozialistischer Massenparteien der ArbeiterInnen auf dem Boden einzelner Nationalstaaten.
Marx zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, diesmal bis an sein Lebensende. Er litt unter verschiedenen Krankheiten. Er bekam den ersten Aufschwung der deutschen ArbeiterInnenbewegung durch die Sozialdemokratie mit und begleitete ihn kritisch. Die Ehepartnerin von Marx, Jenny, starb 1881 an einem Krebsleiden. Im Januar 1883 kam der entscheidende Schlag: der plötzliche Tod seiner Tochter Jenny. Seine Krankheiten verschlimmerten sich. Am 14. März ist Karl Marx sanft und schmerzlos in seinem Lehnstuhl entschlafen.