Kommunistische Jugend Schweiz

Rassismus und Biologie

Rasse ist ein soziales Konstrukt und besitzt keine wissenschaftliche Legitimität. Im Lauf der Geschichte hat der Begriff starke Wandlungen durchgemacht. Mit Rassismus, der daraus entspringt, werden aber bis heute Menschen unterdrückt.

Die meisten von uns sind im Glauben aufgewachsen, dass wir aufgrund unserer Hautfarbe zu einer bestimmten Menschengruppe gehören. Das ist das Konzept der Rasse, die Mutter des Rassismus. Das Konzept ist erst vor wenigen hundert Jahren entstanden und wurde damals bewusst von weissen PlantagenbesitzerInnen in Südamerika angewendet, um das System der Sklaverei zu rechtfertigen und zu stärken. WissenschaftlerInnen haben seither laufend versucht, eine biologische Grundlage für die Rasse zu finden, um rassistische Unterdrückung, Rassentrennung, Apartheid und Völkermord zu legitimieren, aber sie haben nichts gefunden. Rasse ist ein soziales Konstrukt, das geschaffen wurde, um die Dominanz über die Unterdrückten zu erhalten.
Rasse ist zwar nicht real, allerdings ist das Erbe dieser menschlichen Schöpfung äusserst real, genauso wie der systematische Rassismus, der im heutigen Kapitalismus fortgesetzt wird. Menschen werden noch immer abgewertet, diskriminiert und ermordet, wegen dem, was ihre Hautfarbe bedeutet.

Der Ursprung des Mythos Rasse
Die Kolonien von Südamerika entstanden ursprünglich vor allem zum Zweck, Ressourcen auszubeuten. Arbeitskräfte waren knapp. Die KolonistInnen versuchten, die eingeborene Bevölkerung zu versklaven, nachdem sie sie militärisch geschlagen hatten. Das Vorhaben, die Sklaverei so einzuführen, misslang wegen dem Widerstand der Eingeborenen. Stattdessen mussten sie mit Zwang Menschen ohne lokale Bindungen hereinbringen, die einfacher unterworfen werden konnten. Zu Beginn beuteten sie die Arbeit von weissen und schwarzen SklavInnen gleichermassen aus. Dies wurde allerdings zum Problem, als sich die SklavInnen und die arme Mehrheit zusammenschlossen gegen die Plantagen- und GrundbesitzerInnen. Bei der herrschenden Klasse fand deshalb ein Umdenken statt, und sie begannen, Menschen aus Afrika zu entführen und zu versklaven. Die Hautfarbe wurde zum Zeichen für gebundene Arbeit und für das Fehlen von Bürgerrechten. Um die Spaltung auf der Grundlage der Rasse zu festigen, beschlossen die JuristInnen, Land- und SklavenbesitzerInnen, der armen weissen Bevölkerung symbolisch die Bürger- und Staatsrechte zu geben. Diese Menschen waren nun zwar dem Gesetz nach frei, aber immer noch arm, landlos und ausgeschlossen.

Die Unbeständigkeit der Rasse
In der heutigen Gesellschaft ist die Situation komplizierter geworden. Die Wahrnehmung der Rasse oder Ethnie einer Person hängt von mehr als dem Hautton ab. Ursprünglich bezeichnete der Begriff «Weiss» in den USA Menschen britischer Herkunft, während Menschen mit irischen, slawischen oder italienischen Wurzeln bis Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts als nicht-weiss eingestuft wurden. Der Stempel «Nicht-weiss» hatte einen Bezug zur Klassenstellung: Es waren ArbeiterInnen mit schlechten Lebensbedingungen in der Innenstadt.
Infolge neuer Formen von Nationalismus und der Entwicklung des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich auch das Verständnis des «Weissseins» zu verändern. Die vorhin genannten Gruppen werden heutzutage als weiss akzeptiert, wobei dies für gewisse EuropäerInnen noch immer nicht notwendigerweise zutrifft: Muslimische Menschen mit relativ heller Haut aus dem Balkan sowie aus der Türkei. Ihr «Nicht-Weisssein», ihr Anderssein betrifft nicht ihre Haut, sondern ihre Religion.
Ob man als weiss oder schwarz betrachtet wird, hängt stark davon ab, wann und wo die Frage gestellt wird. Zum Beispiel kann eine Person in Brasilien als weiss gelten, als «farbig» in Südafrika und als schwarz in Kanada. Jedes Land hat eine Hierarchie des Weissseins abhängig von der Zusammensetzung der Bevölkerung und davon, in welchem Grad Diskriminierung toleriert wird. In den USA zum Beispiel galten bis Mitte des 20. Jahrhunderts mancherorts Menschen, die ein Zweiunddreissigstel schwarz sind, rechtlich als schwarz unabhängig von der Hautfarbe. Heutzutage würde eine solche Person als weiss betrachtet werden. Diese Unbeständigkeit zeigt, dass Rasse ein soziales Konstrukt ist, dass offen zur Interpretation und abhängig von Zeit und Ort ist.

Biologische Unterschiede
Die wahrgenommene Rasse einer Person gibt keinerlei Aufschluss darüber, welchen biologischen Hintergrund sie hat. Der einzige biologische Unterschied zwischen Menschen mit verschiedenen Hauttönen liegt in einigen wenigen Genen, die bestimmen, wie viel UV-Licht von der Haut absorbiert werden kann. Dies ist abhängig vom Breitengrad, nicht vom Kontinent. Die Maori in Neuseeland haben durchschnittlich einen helleren Hautton als andere polynesische Völker, die näher am Äquator leben.
Tatsache ist, dass es eine grössere genetische Vielfalt innerhalb der «Rassen» gibt als zwischen ihnen. Entgegen der eurozentrischen Annahme, dass die Völker Afrikas homogen sind, gibt es auf jenem Kontinent unter den Menschen eine grössere genetische Vielfalt als auf dem Rest der Erde zusammengenommen. Vom biologischen Standpunkt her ist die Vorstellung, dass Menschen mit ähnlicher Hautfarbe eine bestimmte Verbindung miteinander haben, absurd.
Weshalb werden in den USA schwarze Menschen, deren Vorfahren seit Generationen im Land gelebt haben, als «African American» bezeichnet, während Weisse einfach «American» (AmerikanerInnen) sind? Wenn wir diese Frage stellen, wird klar, dass wir immer noch durch die Rasse gespalten sind und dass es Menschen gibt, die «amerikanischer» oder «kanadischer» als andere sind. Dies zeigt sich in der Form von Polizeibrutalität, Masseninhaftierung und Armut. Terroranschläge gegen weisse Menschen sind Tragödien; wenn sie nicht-weisse ZivilistInnen betreffen, werden sie kaum erwähnt.
Wir müssen das Konzept der Rasse als ein Werkzeug zur Spaltung und Rechtfertigung von Ungerechtigkeiten entlarven. Gruppen wie Black Lives Matter kämpfen an der Spitze gegen diese Form der Unterdrückung, die das kapitalistische System betreibt. Solche Bewegungen und alle, die von rassistischen, bürgerlichen Staaten unterdrückt werden, verdienen unsere volle Solidarität.

Kayla Hilstob ist Mitglied der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Kanadas.

Schreibe einen Kommentar