Kommunistische Jugend Schweiz

Religion im Vormarsch

Patricia D’Incau. Innerhalb von zwei Wochen fanden in Bern und Zürich öffentliche Anlässe aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum statt. Beide Male stiessen sie auf Gegenreaktionen. Doch Freikirchen wachsen.

Pfingsten und Auffahrt lockten die AnhängerInnen der Freikirchen aus ihren «Churches»: In Zürich fand am 13. Mai ein Konzert der evangelikalen Band «No longer music» statt. Dabei gab es jedoch eine unverhofften Zugabe: wütende Fussballfans. Mit dem Worship-Treiben auf dem Helvetiaplatz konnten AnhängerInnen des FC Zürichs, die in der Umgebung das 10-jährige Jubiläum des FCZ-Meistertitels von 2006 feierten, wenig anfangen und störten den Anlass kurzerhand.
Damit taten sie es den linken AktivistInnen gleich, die rund eine Woche zuvor in Bern gegen den alljährlichen Tanzanlass «Up to faith» protestiert hatten. Mehrere Hundert FreikirchlerInnen hatten sich am 7. Mai auf dem Bundesplatz eingefunden, um «zu Gottes Ehre» zu tanzen. Oder anders gesagt: für den Gottesstaat. Denn: «Auf fröhliche Art» wolle man «Gottes Herrschaft über der Schweiz proklamieren», hiess es im Veranstaltungsaufruf.

Glaube mit völkischem Weltbild
Ein Blick auf die Liste der VeranstalterInnen und UnterstützerInnen macht deutlich, aus welchem Spektrum der Anlass stammt. Aufgeführt ist etwa der «Marsch fürs Läbe». Bekannt ist der Verein vor allem für seine alljährliche Anti-Abtreibungsdemonstration, die in diesem Jahr am 17. September in Bern stattfinden soll. Protestiert wird dort vornehmlich für die Wiedereinführung des Abtreibungsverbots; Schwangerschaftsabbrüche werden als «vorgeburtliche Kindstötung» propagiert, wobei Frauen, die – selbstbestimmt über ihren Körper entscheidend – abtreiben lassen, sich am «Massenmord am ungeborenen Leben» schuldig machen würden.
Die «LebensschützerInnen» zeigen sich derweil auch offen nach rechts. In Deutschland gehören Neonazis zu den StammdemonstrantInnen; hierzulande gehört etwa SVP-Mann Daniel Regli, Mitautor der rechtsextremen «Schweizerzeit», zur Führungsriege des «Marsch fürs Läbe».

Fundamentalismus im Schafspelz
Klar ist für die FundamentalistInnen: Die Bibel ist «Wahrheit», Abtreibung ist Mord und Homosexualität eine Krankheit. Und mit diesen Ansichten steht der «Marsch fürs Läbe» längst nicht alleine da – auch wenn sich viele freikirchliche Organisationen öffentlich oft zurückhaltend äussern. Aufschlussreicher ist ein Blick hinter die Fassade: So heisst es etwa in den Unterlagen eines «Smallgroup»-Programms des ICF Zürich, unter dem Titel «Toxic – Gefährliche Einflüsse», zum Thema Homosexualität: «Unser Umfeld kennt heute Frauen-Männer-Mischformen. Gott aber hat Mann und Frau geschaffen. Punkt! Wenn wir das nicht mehr so sehen, sind wir bereits von der Welt beeinflusst.»
Der ICF gehört zu den grössten freikirchlichen Organisationen in der Schweiz und sucht sich seine AnhängerInnen vor allem unter Jugendlichen. Mit «Celebrations», christlichen Pop-Konzerten und «Praise Camps» zeigt man sich modern, offen und «hip». Dieselbe Schiene fahren die selbsternannte «Marke» The Four oder das «christliche Webportal» Livenet, das mit jesus.ch eine speziell auf junge Menschen zugeschnittene Plattform betreibt.
Das Buhlen scheint erfolgreich zu sein: Während den Landeskirchen die Gläubigen davonlaufen, erfreuen sich Freikirchen grossem Zulauf: Zwischen 150 000 und 250 000 AnhängerInnen sollen es hierzulande sein. Der ICF füllt mit seinem Jahresanlass mittlerweile das Zürcher Hallenstadion. Christlicher Fundamentalismus ist damit längst keine Randerscheinung mehr.

Nächstenhiebe statt Nächstenliebe
Die Bezeichnung «fundamentalistisch» weisen freikirchliche Organisationen aber selbstverständlich von sich, indem sie den Begriff auf gewaltsame Durchsetzung der Religion – «einen militanten Wahrheitsanspruch» – reduzieren. Beispiele seien etwa «gewaltbereite Hindus in Indien» und «muslimische Selbstmordattentäter in Pakistan», ist dazu auf jesus.ch zu lesen. Es ist die Flucht in eine populäre aber nicht korrekte Definition, die besagt, dass Fundamentalismus «erst» bei Gewaltanwendung beginnen würde.
Wobei es in Sachen Gewaltbereitschaft auch in evangelikalen Kreisen nicht nur weisse Schafe gibt. So verteilten am «Up to faith» in Bern einige FreikirchlerInnen lieber Nächstenhiebe statt Nächstenliebe: Ein Aktivist wurde aus der Menge gezerrt, zu Boden gedrückt, festgehalten und ihm dabei auf die Hände getreten. Während die Polizei sieben AktivistInnen abführte, konnten die Feierlichkeiten zu «Gottes Herrschaft über der Schweiz» ungestört zu Ende geführt werden.

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